Wir leben in der Ära des sechsten Massenaussterbens: Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten weltweit sind aktuell vom Aussterben bedroht, unzählige weitere sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten ausgestorben. Doch wenn Spezies gefährdet, selten oder ausgestorben sind, verringern sich auch die Begegnungen und Erfahrungen, die wir Menschen mit ihnen machen. Das kann mit der Zeit so weit führen, dass solche Spezies völlig aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden.
Die Unscheinbaren und Versteckten trifft es am ehesten
Ein internationales Forschungsteam um Ivan Jaric von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften hat das Phänomen des sogenannten gesellschaftlichen Aussterbens nun näher untersucht. Sie wollten wissen, welche Faktoren und Mechanismen dieses Vergessen prägen und welche möglichen Folgen für Mensch und Natur dies haben kann. Wie das Team feststellte, ist die Anfälligkeit einer Spezies für das gesellschaftliche Aussterben von ganz unterschiedlichen Faktoren abhängig. Dazu gehören die Ausstrahlung einer Art, ihre wirtschaftliche, kulturelle oder symbolische Bedeutung für die Gesellschaft und auch, ob und wie lange sie bereits ausgestorben ist, oder wie weit entfernt und isoliert ihr Verbreitungsgebiet von menschlichen Siedlungen und Aktivitäten liegt.
„Die meisten Arten sterben aus, ohne dass die Gesellschaft jemals von ihnen Notiz genommen hätte“, erläutert Co-Autorin Tina Heger vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. Während Ikonen unter den gefährdeten Arten wie der Panda, die großen Raubtiere Afrikas oder auch die Menschenaffen beliebt und bekannt sind und daher auch für ihre Notsituation viel Aufmerksamkeit erlangen, gilt dies für viele kleine, unscheinbare, im Verborgenen oder an entlegenen Standorten lebende Spezies nicht. Das trifft unter anderem auf viele im Wasser lebende Organismen zu, aber auch auf viele wirbellose Tiere an Land, sowie Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen.
Fortschritt kann Vergessen bringen
Ein weiterer Faktor sind soziale oder kulturelle Veränderungen, zum Beispiel durch die Verstädterung und Modernisierung der Gesellschaft. Auch sie können unser Verhältnis zur Natur radikal verändern und zu einem kollektiven Gedächtnisverlust in Bezug auf einst wohlbekannte Arten führen. Ein Beispiel sind Heilpflanzen: Mit dem Siegeszug der modernen Medizin in Europa ging auch das Wissen über die traditionelle Kräutermedizin und Heilpflanzen bei den meisten Menschen verloren.
Und selbst wenn Arten vor ihrem Aussterben kollektiv bekannt und auffällig waren, verändert sich nach ihrem Verschwinden unser Bild von ihnen. Die Erinnerung an diese Arten wird ungenau – oder verblasst sogar ganz. Das zeigen auch Studien im Südwesten Chinas und bei indigenen Völkern in Bolivien, wie das Forschungsteam berichtet: In der dortigen Bevölkerung ist das lokale Wissen über einst wohlbekannte Vogelarten nach ihrem Verschwinden verloren gegangen. Die Befragten waren nicht mehr in der Lage, diese Arten zu benennen oder sich gar an ihr Aussehen und ihren Klang zu erinnern.





