Jetzt könnte einem Team unter Leitung des Boston Children’s Hospital ein Durchbruch gelungen sein. Die Forscher haben eine neue virale Genfähre entwickelt, die bis in die äußeren Haarzellen des Innenohres vordringt. Lukas Landegger und seine Kollegen wählten als Ausgangsmaterial ein sogenanntes adeno-assoziierten Virus (AAV). Diese Viren verursachen beim Menschen keine Krankheiten, weil sie sich ohne ein Helfervirus in der Zelle nicht vermehren können. Daher gelten sie und die aus ihnen entwickelten synthetischen Abkömmlinge als gut geeignete und sichere Vektoren für die Gentherapie. Weil sich die künstlich hergestellte AAV-Variante Anc80 bereits beim Gentransfer in Organe wie Leber, Netzhaut und Muskeln bewährt hat, testeten Landegger und seine Kollegen, wie gut dieses Virus Gene in die Haarzellen des Mäuse-Innenohrs einschleusen kann. Sie “beluden” die Genfähren dafür mit der genetischen Bauanleitung für fluoreszierende Proteine und injizierten sie den Mäusen ins Innenohr. Das Ergebnis: Nach kurzer Zeit begannen sowohl die inneren als auch die äußeren Haarzellen der behandelten Mäuse zu fluoreszieren, wie die Forscher berichten. Dies zeigte an, dass die Gene erfolgreich ins Erbgut von 80 bis 90 Prozent der Zellen eingebaut worden waren.
Usher-Syndrom geheilt
Einen Schritt weiter ging ein zweites Team um Bifeng Pan vom Boston Children’s Hospital. Sie nutzen die AAV-Genfähre Anc80, um Mäuse mit angeborener Schwerhörigkeit zu behandeln. Die Tiere litten an einer Ush1c genannte Genmutation, die bei Maus und Mensch das sogenannte Usher-Syndrom verursacht: Weil das von diesem Gen kodierte Protein Harmonin nur noch in verkürzter Form produziert wird, sind die Haarzellen der Betroffenen fehlgebildet. Als Folge sind betroffene Kinder von Geburt an taub oder ertauben noch im Säuglingsalter. Gleichzeitig führt die Proteinfehlbildung zu fortschreitender Erblindung. Nach Angaben der Forscher leiden drei bis sechs Prozent der frühertaubten Kinder unter diesem Syndrom. Für ihre Studie nutzten die Forscher die Anc80-Genfähre, um eine intakte Version des Ush1c-Gens ins Innenohr neugeborener Mäuse mit Usher-Syndrom einzuschleusen.
Es funktionierte: Immerhin 19 von 25 behandelten Mäusen waren nach sechs Wochen nicht ertaubt, sondern reagierten auf laute Geräusche mit der instinktiven Schreckreaktion, wie die Wissenschaftler feststellten. Alle 16 hörten dabei auch Töne, die leiser als 80 Dezibel waren, einige Mäuse hörten sogar noch Geräusche von weniger als 25 bis 30 Dezibel – dies entspricht einem Flüstern. Weitere Tests ergaben, dass die Gentherapie auch die für das Usher-Syndrom typischen Gleichgewichtsstörungen bei den behandelten Mäusen behoben hatte. “Diese Ergebnisse demonstrieren eine bisher unerreichte Wiederherstellung der Funktion des Innenohrs”, konstatieren die Wissenschaftler. “Und sie deuten darauf hin, dass solche Gentherapien gegen Taubheit auch bei Menschen mit Innenohrdefekten funktionieren könnten.”





