Die jetzt veröffentlichte Arbeitsversion der Sequenz des Human-Genoms ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Suche nach weiteren Genen, die an der Krebsentstehung beteiligt sind. Eine mögliche Methode, neue Krebsgene aufzuspüren, besteht darin, genetische Unterschiede zwischen normalen und entarteten Zellen im Genom zu lokalisieren. Dazu werden aber dringend mehr Informationen über DNS-Sequenzen von Krebszellen benötigt. Wie Michael Stratton und seine Mitarbeiter vom Cancer Genome Project in der Zeitschrift Nature berichten, ist es mit den zurzeit vorhandenen Sequenzinformationen nicht gelungen, weitere unbekannte Krebsgene nachzuweisen.
Jeder dritte Mensch in den Industrieländern erkrankt an Krebs, jeder fünfte stirbt daran: Krebs ist die häufigste genetisch bedingte Krankheit. Ursache für das krankhafte Zellwachstum sind Veränderungen der DNS, die durch Umwelteinflüsse oder Fehler bei der Zellteilung entstehen können. Sowohl minimale Änderungen (wie zum Beispiel der Austausch einzelner DNS-Bausteine) als auch größere Defekte (wie Verlust, Verdopplung oder chemische Veränderung von längeren DNS-Abschnitten) können zur Folge haben, dass die Funktion von Genen gestört wird. Solche veränderten Gene sind für die Bildung veränderter Proteine verantwortlich. Sie werden als Krebsgene (Onkogene) bezeichnet, wenn der Defekt zu unkontrolliertem Zellwachstum führt.
Über 130 Onkogene sind bereits bekannt. Dazu gehören etwa 30 sogenannte Tumorsuppressorgene, die im gesunden Menschen die Krebsentstehung verhindern. Aufgrund der bereits bekannten Sequenzen dieser Gruppe von Krebsgenen suchten die Wissenschaftler das gesamte Humangenom nach ähnlichen Sequenzen ab in der Hoffnung neue derartige Gene zu finden. Die Suche blieb ohne Erfolg. Es sei nicht auszuschließen, so die Autoren, dass bereits alle Tumorsuppressorgene entdeckt sind. Sie könnten auch in den noch nicht entzifferten Regionen des Genoms verborgen geblieben sein. Möglich sei ebenfalls, dass noch neu zu entdeckende Gene keine Ähnlichkeit mit den bekannten aufweisen.
Mit einer anderen Methode versuchten die Forscher, DNS-Veränderungen nachzuweisen, die durch Verschiebungen größerer Genabschnitte zustande gekommen sind. Dazu wurden DNS-Sequenzen von Krebszellen mit entsprechenden Genabschnitten normaler Zellen verglichen. Auch dieses Vorgehen brachte keine eindeutigen Ergebnisse, was zum einen auf die begrenzte Leistungsfähigkeit der vorhandenen Methoden zurückgeführt werden konnte. Zum anderen stehen noch nicht genügend Sequenzinformationen von Krebszellen zur Verfügung. Nicht zuletzt ist zu berücksichtigen, dass die jetzt vorliegende Human-Genom-Sequenz nicht vollständig ist, so dass auch aus diesem Grund noch keine endgültigen Aussagen möglich sind. Um alle Typen von Krebs verursachenden DNS-Veränderungen nachweisen zu können, so vermuten die Autoren, müssten zunächst neue, effektivere Analysetechniken entwickelt werden. (Nature, Bd. 409, S. 850)
Joachim Czichos




