EPO-Gen statt EPO
Doch die großen Fortschritte in der Gentechnik machen heute auch eine deutlich raffiniertere Dopingmethode möglich: das Gendoping. Dabei wird den Athleten nicht die verbotene Substanz gespritzt, beispielsweise EPO, sondern man schleust Gene in ihr Erbgut ein, die die Zellen dazu bringen, von selbst zusätzliches EPO zu produzieren. Was das bringen kann, demonstriert der Fall des in den 1960er und 70er Jahren erfolgreichen finnischen Skilangläufers Eerto Mäntyranta: Er trägt von Natur aus eine Mutation im Erythropoetin-Gen, durch die er besonders viele rote Blutkörperchen produziert. Sein Blut kann damit von Natur aus 25 bis 50 Prozent mehr Sauerstoff zu den Muskeln transportieren. Bisher bestand das Problem der Dopingfahnder darin, dass sie keine Möglichkeit hatten, solche natürlichen Veränderungen von künstlichen, per Gendoping erzielten zu unterschieden. Doch das hat sich nun geändert, wie die WADA kurz vor den Spielen bekanntgab. Forscher am National Measurement Institute in Sydney haben im Auftrag der WADA einen Test entwickelt, der eingeschleuste EPO-DNA erkennen kann.
Das Prinzip dahinter: Das im Erbgut von Natur aus vorhandene EPO-Gen enthält vier Introns – einleitende DNA-Sequenzen, die unter anderem markieren, wo dieses Gen abgelesen werden soll. Die EPO-Gene, die den Athleten beim Gendoping eingeschleust werden, enthalten diese Introns jedoch nicht. “Das Verfahren nutzt daher Tests, die gezielt nach intronlosen DNA-Sequenzen suchen, wie sie beim Doping präsent sind”, berichtet Anna Baoutina vom National Measurement Institute. “Wir haben auf dieser Basis bereits einen standardisierten Test für das EPO-Gendoping fertiggestellt, die Mitarbeiter entsprechend geschult und die Methode im Labor eingeführt.” Gleichzeitig arbeitet die WADA auch an Testmethoden, um Gendoping auch an anderen Genen zu erkennen, darunter der DNA für das Wachstumshormon oder den Wachstumsfaktor IGF-1, die beide das Muskelwachstum anregen.
Noch ist nicht klar, ob bei den diesjährigen Olympischen Spielen Sportler am Start sind, die bereits Gendoping für sich genutzt haben. Experten halten es aber keineswegs für ausgeschlossen. Denn das Know-How und die technischen Möglichkeiten sind vorhanden. “Die Techniken, die in der Gentherapie erprobt und verwendet werden, werden auch Einzug im Sport halten”, sagte Theodore Friedmann, Leiter des Gendoping-Gremiums der Weltdopingagentur WADA schon vor einigen Jahren. Tatsächlich hat der deutsche Sprint-Trainer Thomas Springstein, der wegen Dopings im großen Stil aufflog, sich bereits im Jahr 2006 in einer E-Mail an seinen Lieferanten nach EPO-Gendoping-Produkten erkundigt. Man darf also gespannt sein, was die Doping-Fahnder im Anschluss an die Olympischen Spiele alles finden werden.





