Verschiedene Ameisenarten können dank ihrer jeweiligen Stärken und Schwächen relativ friedlich zusammenleben: Wo die eine Spezies einen Vorteil hat, weil sie etwas besonders gut kann, zeigen die anderen Schwächen und umgekehrt, hat eine Gruppe theoretischer Biologen mithilfe eines mathematischen Modells berechnet. So sind einige Arbeiten beispielsweise gut darin, Beute aufzuspüren, ziehen sich aber sehr schnell zurück, wenn stärkere Ameisen ihnen den Fund streitig machen. Diese sind jedoch gleichzeitig die bevorzugten Ziele bestimmter Parasiten, was ihren Spielraum wiederum deutlich einschränkt. Auf diese Weise kann niemals eine einzige Art alle anderen dominieren und sie damit verdrängen, berichten Fred Adler und seine Kollegen.
Gerade bei Ameisen ist die Konkurrenz zwischen den einzelnen Arten groß, erklären die Forscher. Trotzdem schaffen es mehrere Spezies mithilfe verschiedener Strategien, zusammenzuleben, obwohl sie das gleiche Futter bevorzugen. So unterscheiden sich häufig etwa die favorisierte Größe des Beutetieres, die Tageszeit der Futtersuche oder die bevorzugte Außentemperatur zwischen den einzelnen Arten. Doch welche Strategie sorgt für die Vielfalt in der Ameisengesellschaft, wenn sich diese Vorlieben bei den verschiedenen Arten überlappen?
Um diese Frage zu beantworten, entwickelten Adler und sein Team ihr mathematisches Modell und analysierten damit sechs in den Bergen von Arizona beheimatete Ameisenarten. Das Ergebnis: Das Zusammenleben funktioniert nur, weil die einzelnen Arten jeweils unterschiedliche Stärken und Schwächen haben. Wenn etwa das Beutetier klein ist, punkten die Tiere, die es schnell aufspüren und davontragen können. Ist die Beute dagegen größer, werden die schnellen Ameisen von stärkeren Arten verdrängt, die das Futter besser verteidigen können. Arten, die sowohl schnell als auch stark sind und damit eigentlich den anderen Spezies überlegen sein müssten, haben wieder eine andere Achillesferse: Sobald sie an einem Futterplatz auftauchen, werden sie von Buckelfliegen attackiert. Diese parasitischen Insekten legen ihre Eier in den Köpfen der Ameisen ab, wo sich die Larven entwickeln und ihre Wirte schließlich töten. Daher nehmen die Ameisen sofort Reißaus, wenn sie den Angriff der Buckelfliegen bemerken ? und das sorgt wiederum dafür, dass die anderen Arten freie Bahn haben.
Diese drei Faktoren ? Schnelligkeit, Stärke und der Befall mit Parasiten ? reiche aus, um die Koexistenz von fünf der sechs untersuchten Ameisenarten zu erklären, berichten die Forscher. Natürlich sei das aktuelle Modell stark vereinfacht und könne daher auch die Strategie der sechsten Spezies nicht vollständig erfassen. Es helfe jedoch, die grundlegenden Mechanismen zu klären und biete damit eine Basis für die weitere Entwicklung von komplexeren Modellen.
Fred Adler (Universität von Utah, Salt Lake City) et al.: American Naturalist, Bd. 169, S. 323 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





