Es kam genau wie vorausgesagt. Viele Experten hatten gewettet, dass der erste menschliche Embryo bis Anfang 2002 geklont werden würde. Noch im Oktober kündigte der italienische Forscher Severino Antinori an, “innerhalb von Monaten” am Ziel zu sein. Seine ebenso umstrittene Kollegin Brigitte Boisselier von der UFO-gläubigen Sekte der Raelianer wollte sich melden, “sowie das Baby geboren ist”. Statt Antinori und Boisselier gab das US-Biotechnik-Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT) in Worcester (US-Staat Massachusetts) jetzt bekannt, die ersten menschlichen Embryonen geklont zu haben. “Ich will nur kranken Menschen helfen. Das ist die einzige Absicht”, versicherte ACT-Präsident Michael West in Fernsehinterviews. Dagegen versprach Antinoris Kollege Panayotis Zavos in Lexington (US-Staat Kentucky) in einer ersten Reaktion, aus geklonten Embryos so schnell wie möglich Wunschkinder zu fabrizieren.
ACT klont Embryonen eigenen Aussagen zufolge ausschließlich, um Stammzellen zu gewinnen und mit diesen künftig möglicherweise schwere Krankheiten wie Diabetes und Parkinson zu heilen (therapeutisches Klonen). Für den führenden Bioethiker der USA, Arthur Caplan (Universität von Pennsylvania), hat ACT dennoch “eine Grenze überschritten”. Auch US-Präsident George W. Bush ließ umgehend wissen, er sei hundertprozentig gegen diese Art Klonen. Richard Doerflinger von der US-Konferenz Katholischer Bischöfe warnte, “wir sind auf dem Weg, menschliche Embryos zum Ausschlachten für Ersatzteile künstlich zu kreieren”. Dagegen applaudierte der Präsident der Biotechnologie-Industrie, Carl Feldbaum, ACT zum Durchbruch und sprach sich für “die Fortsetzung therapeutischen Klonens unter Aufsicht” der Gesundheitsbehörde FDA aus.
Die “Washington Post” stellte am Montag fest, die von ACT veröffentlichte Arbeit beweise nicht, dass die geklonten Embryonen tatsächlich Stammzellen liefern könnten. Die meisten seien nicht über das Stadium von sechs Zellen hinausgewachsen. Erst im Stadium mit sehr viel mehr Zellen aber entwickele ein Embryo Stammzellen. Unumstritten dagegen sei, dass den ACT-Forschern gelang, was bisher nur an Nutztieren und Labormäusen erprobt worden war: das Klonen von Embryonen aus jeweils einer einzigen Zelle eines erwachsenen Lebewesens. Würden Mediziner den Embryo einer Frau einpflanzen, wie in der Vergangenheit an Schafen, Ziegen, Schweinen und Rindern exerziert, könnte der winzige Zellball bald ein Fötus und dann ein mit dem Spender der Zelle genetisch identisches Baby werden. Die US-Firma hatte per Anzeige Spenderinnen von Eizellen geworben. Sieben Frauen spendeten insgesamt 71 Eizellen, von denen ACT 39 für zwei verschiedene Klonverfahren nutzte. In 17 Eizellen ersetzten die Forscher den mütterlichen Kern mit solchen aus Zellen von Erwachsenen. Nach dieser Methode war das Klonschaf Dolly entstanden. Die anderen 22 wurden mit biologischen Tricks zur Teilung angeregt, auch ohne dass sie befruchtet wurden. Argwohn rief die Art der Veröffentlichung hervor. Advanced Cell Technology stellte seine Ergebnisse in einem neuen und relativ unbekannten Online-Journal mit Namen “E-BioMed: Journal of Regenerative Medicine” vor. Außerdem gab die Firma zwei Zeitschriften den Exklusiv-Zugang zu ihren Spezialisten, der “U.S. News & World Report” vom Montag und “Scientific American”. Für den Ethik-Professor Glenn McGee (Universität von Pennsylvania) lässt sich aus diesem Vorgehen ableiten, dass das Unternehmen weniger an den wissenschaftlichen als an den “machtpolitischen” Aspekten interessiert ist. “Die Fähigkeit, diese Klons herzustellen, könnte einmal sehr wichtig werden”, sagte McGee in Hinblick auf die Patentierung der Verfahren. Dem stellt ACT auf seiner Website entgegen, es habe nur beweisen wollen, dass “es machbar ist”. Die Firma hatte Mitte des Jahres angekündigt, mit dem Klonen menschlicher Embryonen zu beginnen. Südkoreanische Forscher hatten schon 1998 behauptet, menschliche Embryonen geklont zu haben. Sie lieferten jedoch nie einen Beweis dafür.
Gisela Ostwald (dpa)





