Auch wenn der Gelenkverschleiß verschiedene Ursachen haben kann, sind die zugrunde liegenden Mechanismen immer ähnlich: Botenstoffe des Immunsystems wie das Interleukin-1 verursachen oder verstärken Entzündungen, Gewebeschwellungen und Schmerzen. Mit einem Hemmstoff und Gegenspieler versucht der Körper das Interleukin-1 im Zaum zu halten. Dieser so genannte Antagonist besetzt die freien Interleukin-Erkennungsmoleküle auf den Zellen und verhindert ein Andocken des Unruhestifters.
Genau hier setzen die Mediziner um Cordelia Becker von der Ruhr-Universität Bochum mit ihrer Idee an: Sie erhöhen die Menge des Hemmstoffes im erkrankten Gewebe eines Patienten drastisch, um damit den Schmerz zu lindern und im besten Fall sogar ganz auszulöschen. Dazu entnimmt Becker einem Patienten 60 Milliliter Blut mit einer Spezialspritze, in der sich rund 200 kleine Glasperlen befinden. Deren Oberfläche ist dank einer vorhergehenden Säurebehandlung aufgeraut.
“Die weißen Blutkörperchen sehen die raue Oberfläche der Kügelchen als Wunde und produzieren das Anti-Interleukin-1 und andere entzündungshemmende Eiweiße”, erklärt Becker. Wenige Stunden bei konstanter Temperatur gelagert, erhöht sich die Hemmstoff-Konzentration um das Hundertfache in der Blutprobe. Anschließend wird das Serum mit den Eiweißen von den festen Blutbestandteilen getrennt. “Dieses Serum ist das eigentliche Medikament und wird als Orthokin bezeichnet”, erklärt Becker. Es wird dem Patienten in das betroffene Gelenk oder an die Wirbelsäule injiziert.
Die Orthokin-Therapie gibt es bereits seit 1997. Dass sie sich bislang nicht durchgesetzt hat, hat einen einfachen Grund: Die Datenlage ist noch sehr dünn. Aus diesem Grund bezahlen beispielsweise die Krankenkassen die Therapie nicht. Mittlerweile gibt es jedoch zwei Studien, in denen nach Angaben der beteiligten Forscher die Überlegenheit der Behandlung bestätigt wurde.
In einer der Studien untersuchte das Team von Cordelia Becker die Wirkung der Orthokin-Therapie bei 84 Patienten mit Rückenschmerzen und verglich den Erfolg mit dem einer Standardmethode, der Behandlung mit Kortison. In den ersten Wochen lagen Orthokin und Kortison gleichauf, berichtet Becker. Doch nach sechs Monaten waren in der Gruppe mit Orthokin-Behandlung deutlich mehr Patienten schmerzfrei. Besonders erfreulich: Die körpereigene Substanz hat im Unterschied zu Kortisongaben keine Nebenwirkungen.
Auch eine Arbeitsgruppe um den Düsseldorfer Orthopäden Rüdiger Krauspe kam zu einem positiven Ergebnis: In einer Untersuchung an 400 Patienten mit chronischen Knieschmerzen aufgrund einer Arthrose zeigte Orthokin eine bessere Wirkung als die häufig verwendete Hyaluronsäure.
Trotz dieser ersten Erfolge ist die Fachwelt noch skeptisch: “Bislang liegen uns nur Pressemitteilungen vor, die eigentlichen Daten werden uns noch vorenthalten”, sagt etwa Bernhard Manger, Professor für Rheumatologie und Klinische Immunologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Manger ist Sprecher in der Kommission für Pharmakotherapie in der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, die kommenden Herbst über eine Stellungnahme zur Orthokin-Therapie beraten wird.
Mit seiner Kritik zielt er auf den Goldstandard der wissenschaftlichen Arbeit: die Begutachtung und Publikation der Studien mit ihren Daten. Erst dann würde eine neue Therapieform von der Fachwelt als seriös und bestätigt angesehen und auch von den Krankenkassen respektiert. Derzeit muss der Patient für eine Spritzentherapie mit Orthokin nach Angaben der Herstellerfirma Orthogen AG 700 bis 1500 Euro aufbringen, je nachdem, wie viele Anwendungen er benötigt.
Becker ist jedoch zuversichtlich, dass die neue Therapieform in nicht allzu ferner Zukunft weite Verbreitung findet. “Erstens kann mit einem neuen Verfahren namens EOT heute im Prinzip jeder Arzt das Medikament selbst herstellen”, sagt sie. Damit ließen sich die Kosten pro Spritzenanwendung auf rund 70 Euro senken. Und wenn die Bochumer und Düsseldorfer Studien in Fachmagazinen publiziert sind, hätten Fachkollegen und die Krankenkassen bald genügend Material, um ihre Haltung zu überdenken.





