Bei Walen und Robben fehlen in der Netzhaut diejenigen Lichtsinneszellen, die den blauen Anteil des Lichts absorbieren können, die so genannten Blau-Zapfen. Das haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt/Main, am Alfred-Wegener Institut in Bremen und an der Universität Lund in Schweden jetzt an der Netzhaut von verschiedenen Walen- und Robbenarten beobachtet. Über die Ergebnisse ihrer Forschungen berichten Leo Peichl und seine Kollegen im European Journal of Neuroscience (Bd. 13, S. 1520-1528, 2001).
Landlebende Säugetiere besitzen in der Regel Zapfen für blaues und für grünes Licht. Robben und Wale aber besitzen lediglich den Grün-Zapfen und sind daher farbenblind. Das überraschte die Forscher. Denn in klarem Meerwasser wird das Licht mit zunehmender Tiefe immer blauer. Ohne den Blau-Zapfen sind aber sowohl Helligkeits- als auch Kontrastwahrnehmung im kurzwelligen, blauen Bereich des Lichtspektrums stark eingeschränkt.
Da Wale und Robben aber stammesgeschichtlich nicht miteinander verwandt sind, muss sich dieser Blau-Zapfen-Defekt unabhängig voneinander entwickelt und einen Vorteil für das Leben im Meer gebracht haben. Die Wissenschaftler nehmen an, dass der Defekt schon in einer frühen Phase der Evolution aufgetreten ist, als die Vorfahren der heutigen Robben und Wale auf dem Weg zurück ins Meer zunächst nur küstennahe Gewässer bewohnten. In diesem Bereich des Meeres ist das Licht unter Wasser auf Grund von organischen und anorganischen Trübstoffen langwelliger und enthält nur geringe Blauanteile. Hier wäre der Verlust des Blau-Zapfens und der Erhalt des Grün-Zapfens durchaus von Vorteil. Der Verlust des Farbensehens könnte die Informationsverarbeitung im Gehirn vereinfacht haben. Dadurch wurden Kapazitäten für andere Leistungen geschaffen. Beispielsweise haben viele Wale ein Echoortungssystem entwickelt.
Für die Arten, die später von der Küste ins offene Meer gezogen sind, wäre der Blau-Zapfen zweifelsohne von Vorteil gewesen. Aber der genetische Defekt, der dem Blau-Zapfen-Verlust zu Grunde liegt, scheint so gravierend, dass er nicht einfach rückgängig zu machen ist. “Vielleicht ist ja die Farbenblindheit der Preis, den diese Meeressäuger für den Zugang zu der Fülle an Nahrungsmitteln in den Meeren bezahlen mussten”, meint Peichl.
Die Forscher untersuchten die Retina von 14 verschiedenen Arten aus den Gruppen der Zahnwale (Delphine), der Seehunde und der Seelöwen. Sie verwendeten für ihre Analysen die Augen von gestrandeten oder in Zoos gestorbenen Tieren. Aufgrund ihrer breiten Stichprobe vermuten Peichl und seine Kollegen, dass allen Walen und Robben der Blau-Zapfen fehlt.
Cornelia Pfaff





