Der Chytridpilz (Batrachochytrium dendrobatidis), kurz Bd, infiziert Amphibien und verursacht bei ihnen die meist tödliche Krankheit Chytridiomykose. Weltweit hat dieser Erreger bereits den Bestand von 500 verschiedenen Amphibienarten stark dezimiert, darunter vor allem Kröten- und Froschpopulationen. 90 Arten sind seinetwegen sogar schon ausgestorben. In den letzten Jahren haben Forschende verschiedene genetische Stämme dieses Pilzes identifiziert. Einer der fünf inzwischen am weitesten verbreiteten Stämme wurde erstmals 2012 in Brasilien gefunden und daher Bd-Brazil getauft. Später fanden Biologen Hinweise, wonach dieser Stamm spätestens seit 2014 auch auf der koreanischen Halbinsel vorkommt und dort seinen Ursprung haben könnte. Aber auch in den Vereinigten Staaten und in Japan ist dieser Stamm seit 2009 in Fröschen zu finden, wie spätere Tests enthüllten. Seither ist wissenschaftlich umstritten, woher der Pilz wirklich kam und wie er zu einer weltweiten Epidemie führen konnte.

Konservierte Amphibien enthüllen historische Verbreitung des Bd-Pilzes
Diesen Fragen sind nun Forschende um Luisa Ribeiro von der Staatlichen Universität Campinas (UNICAMP) im brasilianischen Bundesstaat São Paulo nachgegangen. Dafür werteten sie zunächst die Fachliteratur zu dem Thema erneut aus. Um die historische Verbreitung des Bd-Brazil-Stammes zu überprüfen, führten Ribeiro und ihre Kollegen zudem umfassende eigene Analysen durch. Sie untersuchten 2280 konservierte Froschexemplare, die zwischen 1815 und 2014 in Museen weltweit gesammelt wurden, auf eine Infektion mit dem Bd-Pilz. Dabei bestimmten sie auch mittels PCR-Test, zu welchem Genotyp der Pilz jeweils gehörte, sofern es der Zustand der Proben ermöglichte. „Konservierung ist nicht immer ideal, um diese Informationen zu erhalten“, erklärt Seniorautor Luís Felipe Toledo von UNICAMP.
Das Ergebnis: Von den 2280 neu getesteten Museumsexemplaren waren 40 positiv auf Bd. Die fünf ältesten dieser infizierten Frösche gehörten alle zur Art Alytes obstetricans und wurden 1915 in den französischen Pyrenäen gesammelt. Der zweitälteste infizierte Frosch gehörte zur Art Megophrys goeldii und wurde 1964 in Brasilien konserviert. Aus dem Literaturvergleich ging zudem hervor, dass die weltweit ältesten Bd-Fälle schon vor 1900 auftraten, allesamt in Amerika, darunter 1894 in Brasilien. Bei diesen infizierten Amphibienexemplaren war jedoch nicht feststellbar, um welchen Pilzstamm es sich genau handelte. Andere Proben und Studien ergaben hingegen: Der Stamm Bd-Brazil ist in Fröschen in Brasilien heute am weitesten verbreitet – und war es wahrscheinlich auch in der Vergangenheit. „Dieser Genotyp ist bei verschiedenen einheimischen brasilianischen Froscharten sehr verbreitet, mit sehr alten Nachweisen“, berichtet Ribeiro. Schon in brasilianischen Museumsproben aus dem Jahr 1916 fand ein anderes Forschungsteam diesen Stamm, wie die Literatursuche ergab.
„In Brasilien ist der Pilzstamm zudem heute sowohl in Froschfarmen als auch in freier Wildbahn vorhanden, einschließlich einiger einheimischer Arten, die die Krankheit nicht entwickeln“, ergänzt Ribeiro. Zu den Bd-resistenten Arten gehören unter anderem Ochsenfrösche (Aquarana catesbeiana). In Proben aus anderen Ländern konnten die Forschenden den Pilzstamm Bd-Brazil hingegen nur in jüngeren Exemplaren und insgesamt bei weniger Amphibienarten nachweisen. Dort kam der Stamm „nur bei Ochsenfröschen und anderen exotischen Froscharten vor“, so Ribeiro. Zusammengenommen schließen die Forschenden aus diesen Befunden: Der Pilz Bd kommt ursprünglich wahrscheinlich aus Amerika und der konkrete Pilzstamm Bd-Brazil tatsächlich aus Brasilien.
Bd-Brazil: Über den Froschhandel in fremde Länder
Aber wie konnte sich dieser Pilzstamm weltweit ausbreiten? Forschende vermuten seit Langem, dass der Pilz über den internationalen Handel mit Ochsenfröschen in fremde Gebiete gelangte. Diese Froschart ist in Nordamerika beheimatet, wird aber in mehreren Ländern für ihr Fleisch gezüchtet und die Schenkel global als Lebensmittel verkauft. Nach Brasilien wurde die Froschart erstmals 1935 eingeführt. Der Pilzstamm Bd-Brazil existierte in Brasilien aber schon rund zwei Jahrzehnte früher in anderen Froscharten, wie die Literaturanalyse ergeben hatte. Ribeiro und ihre Kollegen vermuteten daher, dass der Pilz von den wilden Fröschen auf die Zuchtfrösche übergesprungen ist und durch den internationalen Handel mit Froschfleisch von Brasilien aus in den Rest der Welt gebracht wurde.
Um ihre Hypothese zu überprüfen, untersuchten die Biologen anschließend auch Hautabstriche lebender Ochsenfrösche aus Zuchtfarmen in Brasilien und anderen Ländern auf diesen Pilz und den genauen Pilzstamm hin. Zusätzlich analysierten sie historische Aufzeichnungen über den Handel mit dieser Froschart. Diese Papiere dokumentierten 3617 internationale Handelsrouten für Froschfleisch mit Beteiligung von 48 Ländern, von denen jedoch nur 27 Froschfleisch exportierten. Ribeiro und ihre Kollegen glichen diese Daten mit Befunden von Bd-Brazil-Vorkommen in Ochsenfröschen ab und rekonstruierten daraus die plausibelsten Verbreitungsrouten dieses Pilzstammes. Das Ergebnis: Von Brasilien aus könnte Bd-Brazil durch den Handel mit Ochsenfröschen über acht verschiedene Routen verbreitet worden sein. Unter anderem gelangte der Pilzstamm so vermutlich zwischen 1991 und 2009 von Brasilien in die Vereinigten Staaten und von dort zwischen 2004 und 2008 weiter nach Südkorea. Andere mögliche Routen beinhalten neben den USA auch Ecuador, Italien, Thailand und China als Zwischenstopps im internationalen Handel, ausgehend von Brasilien.
„Obwohl unsere Studie starke Belege für einen brasilianischen Ursprung von Bd-Brazil liefert, können alternative Szenarien noch nicht ausgeschlossen werden“, betonen die Forschenden. Denkbar, wenn auch nach derzeitigem Wissensstand unwahrscheinlicher, wäre demnach auch eine internationale Verbreitung des Pilzstammes aus Asien. Über den Froschhandel könnte der Stamm ausgehend von Japan über drei Routen in die USA und weiter bis nach Brasilien gelangt sein. Um die genauen historischen Ereignisse zu rekonstruieren, sind weitere Proben und Messdaten nötig. Nach Ansicht der Biologen zeigt ihre Studie aber schon jetzt, dass der Handel mit lebenden Tieren wie Fröschen stärker reguliert und kontrolliert werden muss. Sie fordern Screenings auf mögliche Pathogene und Quarantäneprotokolle für Lebensmittel-Tiere und Haustiere, um die Ausbreitung von Krankheitserregern wie dem Bd-Pilz zu verhindern. Davon würden dann einheimische Amphibien weltweit profizieren.
Quelle: Luisa Ribeiro (Staatliche Universität Campinas, UNICAMP) et al.; Biological Conservation, doi: 10.1016/j.biocon.2025.111547





