China will sich gesittet zeigen und um jeden Preis modern. Hunderttausende bauen fleißig Tag und Nacht an Großbaustellen: von der (nützlichen) U-Bahn über (traumhaft schöne) Stadien bis zur (umstrittenen) Straße, die zu einem Basislager des Mount Everest in 5200 Meter Höhe führt. Die Fackelläufer, begleitet von den internationalen Fernsehteams, sollen sich auf modernen Wegen (mit Leitplanken) durch das annektierte Tibet bewegen, nicht über Stock und Stein wie die alten Griechen. Und so war es lediglich eine Frage der Zeit, bis auch auf dem Dach der Welt ein Sendemast funkt. Man stelle sich vor, wie im Steilhang jemand sein Handy aus der Hosentasche kramt und kreischt: “Reinhold, hol’ mich hier runter. Ich hab’ mich verstiegen.” Oder: “Hanspeter, ich bin dann mal weg. Ich brauche ein bisschen Abstand.”
Ob Pekings dreckige Luft – einige Sportler lassen deswegen offen, an den Start zu gehen – ob der Sendemast auf dem höchsten Gipfel der Welt, ob grandiose Stadien oder die Verhaftungen von Kritikern: Alles gehört zum bunten Kostüm eines in Bewegung geratenen Riesen, der einerseits im alten Kaderdenken verhaftet und andererseits mit Meilenstiefeln unterwegs ist zu einem überhitzten Kapitalismus. Angefixt von allem, was modern ist und infiziert vom Ingenieursglauben an jedwede technische Machbarkeit. Stichwort Dreischluchtenstaudamm.
China will alles geben, um sich während der Olympischen Spiele im August als aufgeschlossenes, freundliches Land auf dem Catwalk der Nationen zu präsentieren. Ohne jene schillernden Figuren, die der “pandaman” aufmarschieren ließ. Und tut in vielem das glatte Gegenteil: Indem die Parteifunktionäre Kritiker kalt stellen, das Internet kontrollieren und eine Aufgabe darin sehen, Pandabären vor Beleidigung zu schützen, nähren sie weiterhin das Bild vom autoritären, humorlosen Staatsapparat. Mit den vielen freundlichen, witzigen, aufgeschlossenen Chinesen hat das wenig zu tun.
Meint Ihre
Ilona Jerger, Chefredakteurin





