Die Entwicklungsgeschichte der Vögel reicht weit zurück: Man geht davon aus, dass sich die Vorfahren der gefiederten Luftakrobaten im Laufe des Jura- und Kreidezeitalters aus zweibeinigen Dinosauriern entwickelt haben. Dabei entstanden zunächst zwei Linien: die Vorfahren unserer heutigen Vögel sowie die sogenannten Enantiornithes. Sie ähnelten den modernen Vögeln, besaßen aber spezielle Flügelmerkmale und meist eher schnauzenartige Schnäbel mit Zähnen. Obwohl sie in der Kreidezeit die dominierende Form der Vögel darstellten und eine beachtliche Vielfalt hervorgebracht haben, fielen alle Enantiornithes dem Massenaussterben in der Folge des Asteroideneinschlags vor 66 Millionen Jahren zum Opfer.
Schwanzfedern – länger als der Körper
Nun hat ein chinesisch-US-amerikanisches Forscherteam der Gruppe der bekannten Enantiornithes-Arten einen interessanten neuen Vertreter hinzugefügt. Das detailliert erhaltene Fossil wurde in 120 Millionen Jahre alten Sedimentgesteinen der Jehol-Biota im Nordosten Chinas entdeckt. Die Wissenschaftler gaben der Spezies den Namen Yuanchuavis kompsosoura. Wie sie berichten, zeichnete vermutlich nur die Männchen dieser Art ein buchstäblich herausragendes Merkmal aus: Am Ende des rund 23 Zentimeter langen Vogelkörpers saßen zwei mindestens 30 Zentimeter lange Schwanzfedern.
“Zusätzlich besaß das Tier einen Fächer aus kurzen Schwanzfedern an der Basis”, sagt Co-Autor Jingmai O’Connor vom Field Museum in Chicago. Die Kombination dieses Elements mit langen Schwanzfedern wird als Pintail bezeichnet und ist von den Männchen einiger moderner Vogelarten bekannt, erklärt der Forscher. “Wir haben diese Kombination verschiedener Arten von Schwanzfedern aber bisher noch bei keinem anderen fossilen Vogel gesehen”, betont der Paläontologe. Wie er und seine Kollegen erklären, war der Schwanzfächer von Yuanchuavis aerodynamisch funktional, doch die beiden extrem verlängerten Federn beim Fliegen wohl eher hinderlich. Offensichtlich dienten sie demnach nur der Zurschaustellung. „Darin spiegelt sich das Zusammenspiel von natürlicher und sexueller Selektion wider”, erklärt Erstautor Ming Wang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking.
Sexuelle Selektion zeichnet sich ab
Für dieses Gleichgewicht zwischen natürlicher und sexueller Selektion interessierte sich bereits der Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin. Man geht heute davon aus, dass es sich bei Merkmalen wie einem extravaganten Schwanz um eine Art „ehrliches Signal“ der genetischen Qualität eines Männchens handelt, an dem sich Weibchen bei der Partnerwahl orientieren können. „Wenn ein Tier in der Lage ist, mit einem solchen Handicap zu überleben, ist das ein Zeichen dafür, dass es wirklich fit ist”, erklärt O’Connor. Wang sagt dazu: “Dies neue Entdeckung zeigt anschaulich, wie das Zusammenspiel von natürlicher und sexueller Selektion die Schwänze der Vögel schon seit ihrer frühesten Geschichte geformt hat”.





