Die kanadische Insel Ellesmere liegt nördlich des Polarkreises, nur rund 1000 Kilometer entfernt vom Nordpol. Im Winterhalbjahr schafft es die Sonne kaum über den Horizont – in den dunkelsten Wochen des Jahres geht sie gar nicht auf. Während dort heute ein arktisch-kaltes Klima vorherrscht, lagen die Temperaturen auf Ellesmere Island im frühen Eozän vor rund 52 Millionen Jahren deutlich höher. Die damalige Warmphase sorgte auf der arktischen Insel für ein fast subtropisches Klima, in dem sogar Krokodile leben konnten, wie Fossilfunde belegen. Für Wissenschaftler eröffnet Ellesmere damit Einblicke, wie sich ein Ökosystem angesichts einer früheren Klimaerwärmung entwickelt hat – und welche Veränderungen womöglich angesichts des aktuellen menschengemachten Klimawandels bevorstehen könnten.
Zwei neue Arten identifiziert
Ein Team um Kristen Miller von der University of Kansas in Lawrence hat nun zwei Fossilien analysiert, die in der Fossilienlagerstätte Margaret Formation auf Ellesmere Island gefunden und auf ein Alter von rund 52 Millionen Jahren datiert wurden. „Es handelt sich um zwei neue Arten von frühen Verwandten der Primaten, sogenannte Primatomorpha“, erklären Miller und ihr Team. „Die beiden Exemplare aus Ellesmere sind bei weitem die nördlichsten bekannten Nachweise für paläogene Primatomorpha.“
Anhand der von beiden Exemplaren erhalten gebliebenen Kieferfragmente stellte das Forschungsteam fest, dass es sich um Schwesterarten handelt, die beide der Gattung Ignacius angehören – eine ausgestorbene Gattung von Säugetieren, die eng mit den Primaten verwandt war und vor rund 62 bis 33 Millionen Jahren in weiten Teilen Nordamerikas lebte. Den beiden neu entdeckten Arten gaben die Autoren die Namen Ignacius mckennai und Ignacius dawsonae – zu Ehren der Paläontologen Malcolm McKenna und Mary Dawson, die vor Jahrzehnten auf Ellesmere geforscht haben und dem Autorenteam die Fossilien zur weiteren Untersuchung vermacht haben.
Anpassung an härtere Nahrung
„Kein Verwandter der Primaten wurde jemals in solch extremen Breitengraden gefunden“, erklärt Miller. Obwohl vor 52 Millionen Jahren in der Gegend des Polarkreises deutlich wärmere Temperaturen herrschten, erforderte das Leben auf Ellesmere Island spezifische Anpassungen: „Wir glauben, dass die Dunkelheit des arktischen Winters wahrscheinlich die größte physische Herausforderung für die Tiere in der damaligen Umwelt war“, sagt Millers Kollege Christopher Beard. „Wie überstehen sie sechs Monate Winterdunkelheit, selbst wenn es einigermaßen warm ist?“
Eine Antwort auf diese Frage fand das Forschungsteam durch eine Analyse der Kiefer von Ignacius mckennai und Igancius dawsonae: „Die Zähne und sogar die Kiefermuskeln dieser Tiere haben sich im Vergleich zu ihren nahen Verwandten aus mittleren Breitengraden verändert“, berichtet Beard. „Um die langen arktischen Winter zu überleben, wenn bevorzugte Nahrungsmittel wie Früchte nicht verfügbar waren, mussten sie auf härtere Nahrung wie Nüsse und Samen ausweichen.“ Dementsprechend waren die Kiefer und Zähne dieser Arktisbewohner deutlich robuster gebaut als bei verwandten Arten.





