Quallen können dank einer geschickten Strategie problemlos in sauerstoffarmem Wasser leben: Sie nutzen ihren gelartigen Körper als Gasspeicher und haben auf diese Weise immer ihren eigenen Sauerstoffvorrat dabei. Das hat ein internationales Forscherteam bei der Untersuchung von Ohrenquallen entdeckt. Der Gelspeicher ersetzt dabei das klassische Herz-Kreislauf-System, das bei vielen anderen Tieren für den Sauerstofftransport und die Versorgung des Gewebes zuständig ist.
Quallen haben einen ganz einfachen Körperbau: Zwischen einer äußeren und einer inneren Gewebeschicht befindet sich die so genannte Mesoglea, eine etwas dickere zellfreie Schicht aus einem stark wasserhaltigen Gel. Dieses Gel stabilisiert nicht nur, wie lange Zeit angenommen, als Skelettersatz den Körper, sondern kann auch Energie speichern und die Muskeln mit wichtigen Mineralstoffen versorgen. Da Quallen trotz ihres fehlenden Herz-Kreislauf-Systems häufig in sauerstoffarmen Küstengewässern anzutreffen sind, vermuteten Thuesen und seine Kollegen, dass die Gallerte außerdem eine Rolle bei der Sauerstoffversorgung der Tiere spielt.
Um diese These zu überprüfen, untersuchten die Wissenschaftler einige Ohrenquallen, die in Aquarien mit unterschiedlichem Sauerstoffgehalt lebten. Das Ergebnis: Die Tiere verbrauchten immer gleich viel Sauerstoff ? egal, ob viel oder wenig davon im Wasser gelöst war. Auch auf das Verhalten der Quallen hatte der Sauerstoffgehalt des Wassers praktisch keinen Einfluss, entdeckten die Forscher. Lediglich dann, wenn überhaupt kein Sauerstoff mehr zur Verfügung stand, verlangsamten die Tiere ihre Bewegungen.
Die Quallen müssen demnach über ein internes Sauerstoffreservoir verfügen, schlossen die Forscher. Das bestätigte sich bei weiteren Untersuchungen: Sauerstoffmessungen in der Mesoglea der Tiere zeigten, dass das Gel tatsächlich Sauerstoff enthielt ? und dass die Konzentration des Gases in der Nähe der Muskelschicht abnahm. Offenbar extrahieren die Muskelzellen bei Bedarf den Sauerstoff aus der Gelschicht, schreiben die Wissenschaftler. Das System sei so effektiv, dass es die Quallen selbst in sehr sauerstoffarmem Wasser mehr als zwei Stunden ausreichend versorgt.
Erik Thuesen (Evergreen State College, Olympia) et al.: Journal of Experimental Biology, Bd. 208, S. 2475
ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





