Keine Krebsart nimmt so rasant zu wie Lungenkrebs bei Frauen. Dagegen geht die Rate bei Männern sogar leicht zurück. Hauptursache für den drastische Anstieg der Lungenkrebsfälle beim weiblichen Geschlecht ist, dass vor allem Mädchen und junge Frauen immer mehr rauchen. Vermutlich spielt auch ein gegenüber Männern unterschiedliches Rauchverhalten eine Rolle. Darüber hinaus sind Frauen doppelt so empfindlich gegenüber Zigarettenrauch wie Männer.
Die Verbreitung der meisten Tumoren hat in den vergangenen Jahren leicht abgenommen. Doch ein Krebsleiden scheint sich dem Trend vehement zu widersetzen: Lungenkrebs bei Frauen. Seit Jahren steigt die Zahl der Patientinnen in Deutschland jährlich um gut drei Prozent an. Ein Ende der Zunahme ist nicht in Sicht. Noch zu Beginn der 90er Jahre betrug die Zahl der Todesopfer etwa 7.000, vor zwei Jahren wurde erstmals die Grenze der 10.000 überschritten. Indes sinkt die Sterberate bei den Männern leicht.
Lungenkrebs gehört zu den Krebsarten mit den schlechtesten Überlebenschancen. Nur sechs Prozent der Lungenkrebs-Patienten leben fünf Jahre nach der Diagnose noch. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Gesundheitsbehörden in Nordamerika verzeichnen inzwischen eine höhere Zahl von tödlichen Ausgängen für Patientinnen mit Lungenkrebs als mit Brustkrebs. In Deutschland ist dieser Zustand noch nicht ganz erreicht. “In einigen Jahren wird jedoch bei anhaltender Tendenz Lungenkrebs auch hierzulande die meisten Todesopfer unter Frauen fordern”, erklärt Tobias Welte, der ab Juni als Direktor der Abteilung Pneumologie der Medizinischen Hochschule Hannover tätig ist.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt machte bereits vor einigen Jahren auf das Problem aufmerksam und rief zur Prävention auf. Doch nach wie vor breitet sich Lungenkrebs unter Frauen weiter aus. “Die Zahl der an Lungenkrebs erkrankten Menschen in Deutschland wird bis 2010 um ein Drittel zunehmen”, schätzt Professor Karl-Christian Bergmann von der Allergie- und Asthmaklinik in Bad Lippspringe.
Der Grund für den rapiden Anstieg ist vornehmlich darin zu sehen, dass immer mehr Menschen immer früher rauchen. Dabei gehen mittlerweile die Mädchen und junge Frauen mit schlechtem Beispiel voran. Unter den 12- bis 17-Jährigen rauchen mehr Mädchen als Jungen. “Der Gipfel der Lungenkrebsfälle beim weiblichen Geschlecht ist noch nicht erreicht” folgert Welte.
Es gibt auch Hinweise, dass ein anderes Rauchverhalten der Frauen ihre Gefahr für Lungenkrebs erhöht. Frauen bevorzugen Zigaretten mit niedrigem Teergehalt, so genannte Light-Zigaretten. Dadurch werden sie allerdings dazu verleitet, den Rauch intensiver zu inhalieren. Sie schädigen damit tiefer liegende Teile der Bronchien und des Lungengewebes. Der Lungentumor in tiefen Regionen wird meist erst später entdeckt, da oft typische Begleitsymptome und Warnsignale wie die Bronchitis bei Männern fehlen.
Bei Männern liegen die Tumoren häufig im oberen Teil der Atmungsorgane. So tritt laut einer amerikanischen Studie Krebs in den Bronchien bei Männern doppelt so häufig auf wie bei Frauen. Doch das unterschiedliche Rauchverhalten erklärt nicht alleine die Zunahme der Lungentumoren, haben amerikanische Forscher gezeigt. “Die Zahl der Erkrankungen ist höher, als aufgrund des Anteils der Raucherinnen zu erwarten wäre”, erklärt Jyoti Patel von der Northwestern University in Illinois. Bei gleich hohem Zigarettenkonsum ist das Lungenkrebsrisiko bei Frauen etwa doppelt so hoch wie bei Männern. Bei Frauen entsteht ein Lungentumor deutlich leichter. Ihre Gene nehmen durch Nikotin rascher Schaden und regenerieren sich zugleich langsamer. “Frauen sind erblich bedingt empfindlicher gegenüber Zigarettenrauch”, erläutert Welte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp.
Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums haben erst kürzlich eine Genvariante entdeckt, die mit einem erhöhten Lungenkrebsrisiko in Zusammenhang steht. Bei Frauen fällt die Erbkomponente viel schwerer ins Gewicht: Bei männlichen starken Rauchern mit der Genvariante erhöht sich das Risiko um das Dreieinhalbfache, bei Frauen hingegen auf das Achtfache. Ob genetische Unterschiede alleine die besondere Gefährdung der Frau begründen, sei jedoch nicht abschließend geklärt, so Welte. Eines jedenfalls sei gewiss: Lungenkrebs ist bei Frauen eine andere Krankheit als bei Männern.
ddp/bdw – Susanne Donner





