Die Genetik könnte uns alle zu Patienten machen, wenn genetische Tests ohne angemessene Bewertung akzeptiert würden, warnen britische Wissenschaftler im British Medical Journal (Ausg. 324, S. 863). “Die Grenzen von Diagnose und Behandlung dehnen sich immer weiter aus. Personen, die nur schwache Krankheitssymptome oder ein kleines Krankheitsrisiko haben, werden als “krank” eingestuft”, schreiben David Melzer und Ron Zimmern.
Tests, die genetische Abweichungen mehr als fünfzig Jahre vor Ausbruch einer Krankheit registrieren, könnten Menschen zu Patienten machen, lange bevor sichergestellt sei, ob Vorbeugung oder Behandlung etwas nützten. Als Folge einer völlig übersteigerten Risikowahrnehmung könnten Menschen mit genetischen Abweichungen diskriminiert werden, beispielsweise durch Arbeitgeber und Versicherungen.
In der öffentlichen Wahrnehmung bestimmen Krankheiten wie Huntington, die an einzelne Gene gebunden sind, das Bild genetischer Tests. Die meisten Leiden hängen aber von vielen genetischen und umweltbedingten Faktoren ab. Bis auf wenige Ausnahmen hätten Gentests genauso wie übliche physiologische Untersuchungen – beispielsweise des Blutdrucks oder des Cholesterinspiegels ? nur statistische Aussagekraft.
Genetische Abweichungen bereits als Krankheit selbst zu behandeln, sei gefährlich, sagen die Forscher. Bei der Hämochromatose beispielsweise, einer erblichen Störung des Eisenstoffwechsels, würden nur die wenigsten Träger der entsprechenden Erbanlagen Krankheitssymptome entwickeln.
Die enormen Investitionen, die zur Verwertung der Genetik nötig seien, hätten möglicherweise dazu geführt, dass enorme Erwartungen bewusst geweckt wurden ? mit dem Ziel, die Öffentlichkeit und Investoren zu beeindrucken. Die Wissenschaftler erinnern daran, dass die Entdeckung der Radioaktivität zur Popularität von “alles heilenden” Medikamenten geführt hat, bis der Magnat Byers 1932 an Radiumvergiftung gestorben ist.
Die Wissenschaftler schreiben, dass die Gentechnologie sehr nützlich für die Gesellschaft sein kann. Ihre Einführung müsse aber auf wissenschaftlichen Fakten beruhen und ethische und soziale Überlegungen einbeziehen.
Florian Sander




