Amerikanische Forscher bringen eine der grundlegenden Sichtweisen auf das Zusammenleben von Primaten ins Wanken: Kooperation und Freundschaft seien die vorherrschenden sozialen Komponenten des Verhaltens von Primaten, sagen Paul Garber von der University of Illinois und Robert Sussman von der Washington University . Bisher galt die Theorie, dass Konkurrenz die treibende Kraft bei der Entwicklung sozialen Verhaltens von Primaten sei. Dies galt für Halbaffen, Affen und Menschen gleichermaßen. Ihre Thesen erläutern die Forscher in einem Aufsatz anlässlich des Jahrestreffens der American Association for the Advancement of Science.
Die Widerlegung des so genannten Aggressions-Konkurrenz-Versöhnungs-Modells basiert auf umfangreichem Datenmaterial aus Freilandbeobachtungen. Genau deren Mangel beklagen sie bei den Verfechtern des Konkurrenz-Modells.
Um die Probleme des gängigen Modells zu illustrieren, analysierten sie eine ganz grundlegende Frage: Wieviel Zeit verbringen tagaktive, gesellige Primaten überhaupt mit sozialem Verhalten, und wieviel davon ist freundlich-kooperativ beziehungsweise widerstreitend? Über alle beobachteten Arten hinweg zeigte sich, dass sie nur fünf bis zehn Prozent ihrer Zeit sozial interagieren. Der Anteil der Aggression war mit gerade mal einem Prozent sehr niedrig. Kooperatives, freundschaftliches Verhalten dagegen war zehn- bis zwanzigmal häufiger.
Garber und Sussman meinen, das alte Modell sei bisher zu wenig kritisch betrachtet worden. Auch hätten andere Forscher nicht nach stimmigen Alternativen gesucht.
Gründe dafür, dass Konkurrenz als Hauptursache für die Entwicklung sozialen Verhaltens nicht ausreicht, sehen die Forscher unter anderem in der Evolution. “Evolutive Prozesse sind extrem langsam”, so Sussman und Garber “wir sind nicht berechtigt anzunehmen, dass wir bei jeder einzelnen Population, die wir gerade studieren, dramatische evolutive Ereignisse beobachten können.”
Vorausgesetzt, Interaktionen zwischen Individuen verhielten sich neutral in Bezug auf evolutionäre Phänomene, könne Konkurrenz um Nahrung oder Partner das Sozialverhalten nicht direkt beeinflussen. Nach Meinung der beiden Wissenschaftler versage das gängige Modell darin, die Zusammenhänge, Funktionen und sozialen Strategien zu erklären, denen sowohl freundschaftliches als auch widerstreitendes Verhalten unterliege. Sei das Ziel sozialer Interaktion, akute Probleme zu lösen und nicht allein, die eigenen Gene weiterzugeben, so müssten andere Faktoren existieren, die soziales Verhalten vorantreiben.
Anna Voormann





