Eine neue Technologie zur Untersuchung der Evolution des Gehirns enthüllt überraschende Veränderungen der musikalisch begabten rechten Hirnhälfte. Die Veränderungen könnten unseren frühesten Vorfahren die Kommunikation erleichtert haben.
Viele Hirnforscher gehen davon aus, dass es vor allem die linke Hirnhälfte mit ihren analytischen und sprachlichen Fähigkeiten ist, die uns vom Tier unterscheidet. Die linke Seite gilt zudem als dominant, während viele Areale der rechten Hirnhälfte nur der linken Seite assistieren sollen. Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts glaubte man sogar, die rechte Hemisphäre würde “stille Areale” besitzen, die keine näher bestimmte Aufgabe haben. Erst später wurde deutlich, dass auch die rechte Hemisphäre selbständig komplexe Aufgaben lösen kann und sogar geschriebene Worte versteht.
Beobachtungen von Karl Zille vom Forschungszentrum Jülich legen nun zudem nahe, dass die Evolution zum Menschen die rechte Hirnhälfte stärker verändert hat als die linke. Sein Kollege Dean Falk von der Staatsuniversität Florida glaubt, dass diese Veränderungen vor allem dem Spracherwerb zugute kamen und dadurch die Überlebenschancen unserer Vorfahren verbessert haben. Diese These äußerte Falk jetzt auf einem Treffen der Amerikanischen Gesellschaft für physikalische Anthropologie.
Die Windungen der Hirnrinde hinterlassen Abdrücke auf der Innenseite der Schädelkapsel. Zille hat mit Hilfe einer Tomografie bei zehn Menschen die Abdrücke erfasst und anschließend am Computer mit Hilfe von Mittelwerten einen typischen Gehirnabdruck errechnet. Das gleiche machte er bei sieben Zwergschimpansen, auch “Bonobos” genannt, die als die nächsten lebenden Verwandten des Menschen gelten.
Mit einer Art Morphingprogramm verglich er anschließend den Abdruck des Bonobogehirns mit dem Abdruck des menschlichen Gehirns. Abgesehen vom größeren Umfang der menschlichen Hirnrinde fand Zille fünf Strukturveränderungen, die das Gehirn des Menschen deutlich von dem des Zwergschimpansen unterscheiden. Zwei davon befinden sich auf der linken Hemisphäre, drei auf der rechten. Dazu gehört etwa eine schwulstförmige Zunahme an Masse, die sich auf der rechten Hemisphäre vom Stirnhirn bis zum Hinterhauptlappen erstreckt.
Ein Vorteil der von Zille angewandten Methode ist, dass sie auch auf Schädelfunde von Früh- und Vormenschen anwendbar ist. Tatsächlich fand der Forscher entsprechende Änderungen in den Kapseln von dreizehn hominiden Schädeln, etwa dem eines 2,5 Millionen Jahre alten Australopithecinen und dem eines 60.000 Jahre alten Neandertalers.
Falk wagte nun eine Deutung dieses Fundes. Die rechte Hirnhälfte prozessiert vor allem räumlichen Aufgaben, Gefühle, Musik und die Melodie der Sprache. Der Anthropologe glaubt daher, das die Veränderungen unseren Vorfahren den Umgang mit Sprache erleichtert haben könnten. Dies um so mehr, als die ersten Schritte hin zu einer Sprache möglicherweise nicht in konkreten Bezeichnungen für Gegenstände, sondern in emotional gefärbten Lautäußerungen bestanden haben.
Andreas Wawrzinek





