Gold ist eine begehrte Anlage und wird auch in der Elektronikproduktion viel benötigt. Doch der Nachfrage-Boom hat eine Kehrseite: Der ungeregelte Abbau mit Quecksilber in Bolivien schadet der Landschaft, der Natur und vor allem den indigenen Völkern, die mit Krankheiten und Folgeschäden zu kämpfen haben.
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Text: Peter Strack, Silke Kirchhoff; Fotos: Silke Kirchhoff
Für einen kurzen Augenblick lässt die Morgenröte den Fluss rot glühen. Zeit für die Ese Ejja, die Boote vorzubereiten, um fischen zu gehen. Fisch ist die Hauptnahrungsquelle indigener Völker am Río Beni und an weiteren Flüssen im bolivianischen Amazonas. Doch seit einigen Jahren hat sich der Fluss stark verändert. Das Wasser ist trüber geworden, es gibt weniger Fische und die sind mit giftigem Quecksilber kontaminiert. Eine Spurensuche vom Goldabbau an den östlichen Hängen des Andengebirges, vorbei an illegalen Schaufelbagger-Plattformen im Río Kaka, bis hin zu den Hauptbetroffenen: Den über 100 Kilometer Luftlinie entfernt lebenden indigenen Völkern am Río Beni, im Pilon-Lajas-Bi0sphärenreservat und im Madidi-Nationalpark.
Im Goldrausch
In Krisenzeiten wird Gold als Finanzanlage wichtiger. Kriege wie der in der Ukraine lassen die Preise weltweit steigen, laut einer Datenerhebung von World Gold Council und London Bullion Market Association von 2019 bis Ende 2024 um rund 72 Prozent. Die erhöhte Nachfrage führt in Brasilien, Peru, Kolumbien und Bolivien zu einem verstärkten Abbau des Edelmetalls. Früher waren es vor allem handwerklich arbeitende Bergleute in kleinen Stollen oder Goldwäscher am Flussufer. Heute wird immer mehr mit schwerem Gerät und industriellen Anlagen gearbeitet.
Dass es in Bolivien quasi keine Kontrollen über Abbau, Verkauf und Export gibt, schürt das Goldfieber im Land zusätzlich. Zumeist kümmern sich sogenannte Kooperativen um das Geschäft. Sie sind gut organisiert und zwingen der Regierung ihre Bedingungen auf. Dazu gehören Steuerfreiheit und Abgaben, die weit niedriger liegen als in den Nachbarländern. Mit teils gewaltsamen Protestmärschen wird die Regierung gedrängt, immer mehr bislang unter Naturschutz stehende Zonen für den Bergbau freizugeben – mit Erfolg.
Das Kapital dafür kommt zunehmend von internationalen Investoren aus Kolumbien, Brasilien oder China, die sich mit den Kooperativen verbünden, obwohl dies eigentlich verboten ist. Peruanische Unternehmer dringen von Norden her nach Bolivien ein, um die größeren Freiheiten zu nutzen. Auch Gelder aus dem Drogenhandel werden in der Goldproduktion gewaschen. So ist Gold zwar inzwischen das wichtigste Exportprodukt Boliviens, doch wegen der niedrigen Abgaben und weil ein erheblicher Teil illegal ins Ausland geschmuggelt wird, bleibt kaum etwas von den Gewinnen im Land. Die Kooperativen benötigen zwar laut Gesetz Konzessionen der Bergbaubehörde und müssten auch Arbeits- und Umweltbestimmungen erfüllen. In der Praxis bestimmen sie die Bedingungen jedoch weitgehend selbst.
Dazu gehört der massive Einsatz von Quecksilber, obwohl es weniger schädliche Techniken gibt. Quecksilber beschleunigt den Prozess der Goldgewinnung – aber mit schweren Folgen für die Umwelt. Das internationale Abkommen von Minamata verpflichtet die Vertragsstaaten, die Schäden durch Quecksilber zu reduzieren und den Einsatz kontinuierlich zu verringern, und obwohl Bolivien dieses Abkommen 2015 ratifiziert hat, verschlechtert sich die Lage weiter. Der Staat kontrolliert weder Import noch Handel oder Verwendung des giftigen Schwermetalls. Bolivien war Stand 2024 mit jährlich 180 Tonnen der weltweit wichtigste Quecksilber-Importeur. Die Hälfte wird vermutlich in Nachbarländer geschmuggelt, wo der Einsatz verboten ist. Die andere Hälfte verursacht in Bolivien selbst massiven Schaden.
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„Eine der Methoden der Goldgewinnung im Norden von La Paz wird an den Flüssen praktiziert, die ein hohes Gefälle und wenig Tiefe haben“, erklärt Gonzalo Mondaca vom bolivianischen Dokumentations- und Informationszentrum CEDIB. „Dort wird der Sand bewegt, es werden Becken geschaffen, in die das Quecksilber eingeführt wird. Dadurch entsteht ein Amalgam aus Quecksilber und Goldstaub. Es gibt zwar auch andere Methoden, um das Gold vom Sand zu trennen, aber mit dem Quecksilber geht es viel schneller. Ein Betrieb kann durchaus ein Kilo Quecksilber pro Tag verbrauchen. Und wenn dann die starken Regenfälle kommen, reißt das Wasser diese ganzen Strukturen weg – mit dem Quecksilber und anderem Müll!“
Am schlimmsten sei es in Mapiri, so der Umweltingenieur Mondaca: „75 Prozent des Landkreises sind als Konzession vergeben. Auf mehr als der Hälfte wird bereits gearbeitet. Man kann den ursprünglichen Flusslauf gar nicht mehr erkennen, weil der Grund und die Hügel am Ufer abgetragen wurden.“ Böschungen werden abgeholzt, Flussläufe umgeleitet und Säuren, Öl oder eben Quecksilber abgelassen.
Vom Mapiri-Fluss abwärts erreicht man den Kaka, der flacher und breiter wird. Ab Mayaya erheben sich aus dem Fluss immer wieder hohe Metallkonstruktionen. Bis Rurrenabaque am Beni-Fluss wurden im vergangenen Jahr 40 Areale gezählt, in denen Gold abgebaut wurde, davon 20 chinesische und zehn kolumbianische Baggerplattformen. Die übrigen Felder wurden offen am Ufer abgebaut. Am oberen Flusslauf ab Mayaya sind es vor allem chinesische Betreiber. Man sieht die Plattformen praktisch hinter jeder Flussbiegung und bisweilen drei davon gleichzeitig. In der Folge entstehen Erdrutsche und Überschwemmungen von Anrainergemeinden. Für die Kosten kommen die Verursacher, die Bergbauunternehmen, aber nicht auf. Zudem werden fruchtbare landwirtschaftliche Flächen am Uferrand mit Geröll verschüttet. Und auch hier wird Quecksilber eingesetzt.
Giftiges Schwermetall in der Nahrungskette
„Quecksilber ist ein haltbares Metall und vermischt sich nicht leicht mit organischen Materialien“, erklärt Ingenieur Mondaca vom CEDIB. „Es kann aber von diesen angelagert werden. Es wurde untersucht, wie sich Quecksilber im Gewebe der Fische anreichert. Aber es gibt in Bolivien keine Studien zu den Vögeln, die die Fische fressen, oder zu den Insekten, die sich im Flusssediment aufhalten. Man weiß auch zu wenig über die Anreicherung in Pflanzen – ob das Quecksilber in den Blättern bleibt oder in die Säfte oder Blüten wandert und ob es die Pflanzen verändert.“ Laut dem deutschen Bundesumweltamt sind Tiere an der Spitze der Nahrungskette besonders vom Quecksilber betroffen. Dazu gehören Raubfische, Greif- und Wasservögel, die sich von belasteten Fischen ernähren. Auch bei ihnen kann es zur Schädigung des Nervensystems, Verhaltensstörungen und einer Beeinträchtigung der Fortpflanzung führen.
„In den Flusssedimenten gibt es aber auch Bakterien, die das Quecksilber in Methylquecksilber verwandeln“, erklärt Mondaca. „Das ist noch gefährlicher, weil es sich in organischen Geweben ansammelt. Von den Bakterien gelangt es zu den Mikroorganismen, von dort über die Schalentiere zu den kleinen und dann zu den größeren Fischen, die die kleinen Fische fressen. Und so haben
schließlich die größeren Fische und die Flussdelfine, die
am unteren Lauf des Río Beni leben, die größte Quecksilberbelastung. Das Methylquecksilber könne sich auch in Wasserpflanzen ansammeln, die wiederum von anderen Tieren gefressen werden. Das sei aber noch nicht gründlich untersucht worden, bedauert Mondaca.
Kein Schutz im Nationalpark
Erst zwei, drei Stunden Bootsfahrt hinter Mayaya werden die Goldförderanlagen weniger. Am Beni-Fluss in der Nähe des Madidi-Nationalparks erschweren die Felsen am Ufer den Goldabbau. Jetzt kann man auch wieder Vögel oder das Rauschen der Blätter hören. Doch auch vor dem Madidi, dem artenreichsten Nationalpark Boliviens, macht der Goldbergbau nicht halt. Von der anderen Seite kommend, fließt der Tuichi durch den Nationalpark und mündet in den Beni. „Der Tuichi entspringt in der Cordillera Apolobamba. Im Jahr 2021 wurde auch hier mit dem Goldbergbau mit schwerem Gerät am Flussufer begonnen“, berichtet Marcos Uzquiano. Der Parkwächter war von der Regierung strafversetzt worden, weil er versucht hatte, die Tiere und Pflanzen im Madidi vor den Baggern und der Vergiftung zu schützen. Das schwere Gerät wird über neu erschlossene Wege in den Park gebracht. „Die Natur ist genauso vom Bergbau betroffen, wie die Menschen, wenn nicht mehr“, meint Uzquiano, der vor Gericht immerhin seine Entlassung verhindern konnte. Vor allem die Flüsse hätten sich verändert, berichtet der Parkwächter, der in der Region aufgewachsen ist. „Das Wasser des Tuichi und des Beni-Flusses waren da noch kristallklar. In der Trockenzeit zogen Schwärme von Fischen den Fluss aufwärts zu den Laichplätzen. Wir haben im Fluss gebadet, sind Boot gefahren, haben gefischt. Aber seit etwa 20 Jahren hat die Bergwerkswirtschaft zu Sedimentierung geführt. Das Wasser ist heute das ganze Jahr über braun und nicht wie früher nur bei Starkregen.“
Nicht nur der Fischbestand habe stark abgenommen: „Als Parkwächter habe ich viele Patrouillen flussaufwärts gemacht. Der Lärm der Maschinen, die im Fluss die Erde und die Steine bewegen, ist ohrenbetäubend. So ziehen sich die Tiere tiefer in den Wald zurück.“ Hinzu komme, dass die Bergarbeiter in ihren freien Stunden jagen gingen, was im Park eigentlich nicht erlaubt ist. Ebenso wenig wie das Fischen mit Dynamit. „Früher konnte man an den Flussufern noch Jaguare, Tigerkatzen oder Hirsche sehen”, erinnert sich Uzquiano. Außerdem wird durch den Wegebau und Neuansiedlungen ihr Habitat durchschnitten und durch Brandrodungen werden die Wälder dezimiert. So gehörten der Jaguar und weiter oben in den Anden der Kragenbär zu den Arten, deren Population dezimiert wurde. Bedroht sei auch der nach seinem geteilten Schwanz benannte Palkachupa-Vogel (Phibalura Boliviana), der nur in Bolivien heimisch ist.
Hohe Quecksilberwerte bei Indigenen
San José de Uchupiamonas liegt im Madidi-Nationalpark. Da die Bewohner wesentlich vom Ökotourismus leben, machen sie sich auch um ihre Einkommensquelle Sorgen. Je weniger Tiere zu sehen sind, desto weniger interessant sind die Exkursionen. Und weiter aufwärts kann wegen der Versandung des Flusses das beliebte Rafting kaum noch angeboten werden. Als die Mitarbeiter des CEDIB die Ergebnisse der Untersuchungen zur Quecksilbervergiftung vorstellten, rückte das Gesundheitsthema in den Mittelpunkt.
„Quecksilber wird zwar nicht im Wasser transportiert, dafür aber in den Bodenablagerungen, dem Schlick und dem Sand, den die Flüsse mitnehmen“, erklärt der Ingenieur Mondaca. Und so komme es, dass der Schwerpunkt der Goldwirtschaft zwar an den oberen Flussläufen des Beni, des Kaka, den Flüssen bei Guanay und Mapiri liege, seine Organisation jedoch auch weit flussabwärts, wo es keinen Goldbergbau mehr gebe, Quecksilber in Blutproben von Frauen und Kindern gefunden hätte. Neben den Ese Ejja sind auch die Völker der Tsimané, Mosetenes, Tacana, Leco und Uchupiamonas betroffen.
Die meisten Einheimischen leben vom Fischfang, Nahrungsanbau und Handwerk. Sie kämpfen mit veränderten Flussläufen und Lebensräumen, verseuchtem Wasser und Fisch, mit Krankheiten und Ängsten. Eine Untersuchung des CEDIB hat ergeben, dass die Werte bis zu 25-mal höher liegen, als sie von der Weltgesundheitsorganisation WHO als akzeptabel eingestuft werden. Dafür wurden rund 850 Proben in den Haaren der Menschen, in Fischen sowie im Sediment der Flüsse Beni, Mamoré und Madre de Dios entnommen. Bei den Ese Ejja sei der Durchschnittswert sechsmal höher nachgewiesen worden, bei den Uchupiamonas siebenmal, sagt Pablo Villegas, ein Kollege von Mondaca beim CEDIB.
Gesundheitsschäden durch Quecksilber
In Asunción de Quiquibey trauern Lucía und ihr Mann um ihren Sohn Carlos, den sie die Woche zuvor mit gerade einmal 21 Jahren nach kurzer Krankheit verloren haben. Die Ärzte konnten angeblich keine Todesursache feststellen. Auf die Frage, was es gewesen sein könnte, antwortet ihr Mann José: Möglicherweise böse Hexerei. Lucía selbst spürt Druck auf ihren Augen und klagt über häufige Kopfschmerzen. Ihre Haarprobe ergab den siebenfachen Wert der akzeptablen Quecksilberbelastung.
„Überall, wo wir die Ergebnisse präsentiert haben, waren die Menschen alarmiert“, murmelt Villegas hinter seinem langen Bart. „Dabei sahen wir auch Kinder oder Erwachsene, die ganz offensichtlich Schäden vom Quecksilber davongetragen haben. Klinische Untersuchungen haben dann zum Beispiel Leberschäden, Veränderungen des Blutbildes oder neurologische Schäden, die sogenannte Minamata-Krankheit, ergeben. Die wurde erstmals in den 1950er Jahren im gleichnamigen Ort in Japan entdeckt. Ursache war der Konsum von mit Methylquecksilber kontaminiertem Fisch und Meeresfrüchten. Sie kann zu Seh- und Hörstörungen, Lähmungen oder im Extremfall zum Tod führen, bei vorgeburtlicher Vergiftung zu abnorm kleinen Gehirnen. Die Leute fühlen sich hilflos und schutzlos. „Zumindest in der ersten Zeit, nachdem wir ihnen die Ergebnisse mitgeteilt haben, haben sie weniger Fisch gegessen“, so Villegas.
Ein Beispielfall ist die Ese-Ejja-Familie von Jaqueline, die im achten Monat schwanger ist, und Pacheco aus Eyiyoquibo. Kein Tag und fast keine Mahlzeit kommen ohne Fisch aus. Das Ergebnis von Jaquelines Haarprobe lag 2021 bei dem Achtfachen des akzeptablen Wertes. Sie berichtet von vermehrten Kopfschmerzen und Wahrnehmungsstörungen in den letzten Jahren. Ihr Herz sei schwach und sie fühle sich erstmals während einer Schwangerschaft kraftlos. Auch bei den Kindern wurde das Vier- bzw. Fünffache des erlaubten Wertes gemessen. Antenor, ein jüngerer Sohn, hat seit Monaten Hautausschläge.
„In größeren Orten wie Riberalta hat es auch Proteste der Eltern gegeben, die gefordert haben, dass Maßnahmen ergriffen werden“, berichtet Villegas. Denn Kinder würden das Quecksilber schon im Bauch der Mutter und dann beim Stillen aufnehmen. Später würden die überlasteten Mütter ihnen vor allem die großen Fische zum Essen geben. Die haben zwar weniger Gräten, an denen man sich verschlucken kann, dafür aber einen erhöhten Quecksilberanteil. Und es sei noch nicht abzusehen, wie viel Quecksilber sich später noch im Lauf ihres Lebens
im Körper ansammle, wenn sich in der Goldproduktion nichts ändere. Denn die derzeitige Anreicherung in den Flusssedimenten gehe mindestens auf ein Jahrzehnt des Einsatzes von Quecksilber zurück. Der sei 2015 stark angestiegen und habe sich in den letzten Jahren mit dem Goldboom noch einmal gesteigert.
Zudem führen verminderte Einnahmequellen dazu, dass Menschen aus Mangel an Alternativen beginnen, selbst im Goldabbau zu arbeiten. Einzelne Gemeinden wehren sich aber inzwischen. So wie Palos Blancos und Alto Beni, die sich mit breiter Unterstützung der Bevölkerung 2021 zu von Bergbau freien Munizipien erklärt haben, um die eigene agroökologische Produktion nicht zu gefährden. In Palos Blancos wird unter anderem Kakao für die CEIBO-Schokolade produziert, die auch in deutschen Weltläden erhältlich ist. Der bolivianische Vizepräsident David Choquehuanca versuchte zwar, die Entscheidung von Palos Blancos für nichtig zu erklären, scheiterte aber letztlich vor Gericht.
Dennoch: Solange die Nachfrage nach Gold als Kapitalanlage, als Bauteil in Elektronikprodukten und auch als Schmuck so groß ist, werden die mit dem Abbau verbundenen Probleme, die Umweltzerstörung, die Vergiftung und die Ausbeutung in Bolivien bleiben – und vielleicht noch schlimmer werden.
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