Bei Säugetieren gilt die Paarung durch Penetration bisher als die Regel. Während Vögel sich durch bloßen Kontakt der Kloaken begatten, haben die Säugetiermännchen einen Penis entwickelt, mit dem sie in den Vaginaltrakt der Weibchen eindringen und dort das Ejakulat mit den Spermien absondern. Zwar gibt es unzählige Varianten dieses Prinzips, bisher waren aber keine Säugetiere bekannt, die sich komplett ohne Penetration fortpflanzen. “Das Kopulationsverhalten ist eine der wesentlichen Säulen der sexuellen Selektion, gleichzeitig ist es bei vielen Arten noch rätselhaft”, schreiben Nicolas Fasel von der Universität Lausanne und seine Kollegen. Dies gelte besonders für Fledermäuse. Weil deren Paarungen oft im Dunkel ihrer Höhlen stattfindet und selbst dann kaum mehr als die Rücken der beteiligten Tiere erkennbar sind, ist bei vielen Fledermausarten unklar, wie genau die Paarung abläuft.
Fledermausmännchen mit Riesenpenis
Um mehr darüber zu erfahren, haben Fasel und sein Team die scheuen Flattertiere ausgetrickst: Sie installierten Kameras unter einem Gitter, das den Tieren als Halterung diente. Dieses System brachten sie in einem von Breitflügelfledermäusen (Eptesicus serotinus) besiedelten Kirchturm in den Niederlanden und in einer Fledermaus-Auffangstation in der Ukraine an. Dies ermöglichte es ihnen, die Paarung dieser Fledermausart erstmals aus neuer Perspektive und von unten zu filmen. Insgesamt gelang es Fasel und seinem Team so, 97 Kopulationen aus der Nähe zu beobachten. Dabei stellten sie zunächst fest, dass das Glied des Männchens bis auf rund 20 Prozent der Körpergröße der Fledermaus anschwoll: “Es war im erigierten Zustand siebenmal länger als die Vagina”, berichten die Biologen. Die Penisspitze zeigte zudem eine herzförmige Verdickung, durch die sie auch in der Breite nicht einmal ansatzweise in die Vagina des Weibchens passte.
“Wir haben uns gewundert, wie das funktionieren soll”, sagt Fasel. “Aber wir dachten, dass es vielleicht wie bei den Hunden ist, bei denen der Penis erst nach der Penetration zu voller Größe anschwillt.” Durch dieses nachträgliche Anschwellen kommt es zur sogenannten Kopulationssperre, die ein Herausrutschen vor “vollbrachter Tat” verhindern soll. Doch bei den Breitflügelfledermäusen ist das offenbar nicht der Fall, wie die Videoaufnahmen belegten: Das Genital der Männchen war schon zu Beginn der Paarung zu groß für eine Penetration. Die herzförmige Spitze hatte den siebenfachen Durchmesser der Vaginalöffnung. Dennoch ließen sich die Fledermäuse deshalb offenbar nicht von einer Paarung abbringen: Typischerweise biss das Männchen das Weibchen dabei leicht in den Nacken und vollführte eine Zeitlang suchende Bewegungen mit dem Unterleib, bevor beide stillhielten. Im Schnitt blieben die Tiere 53 Minuten in der Paarungsposition, die längste Paarung dauerte sogar 12,7 Stunden, wie das Team berichtet.





