Die Raupen einer neu entdeckten Fransenmottenart auf Hawaii haben eine hinterhältige und bislang unbekannte Jagdstrategie entwickelt: Sie legen Schnecken mithilfe von Seidenfäden in Fesseln und fixieren sie dabei an einem Blatt. Dann beginnen die nur etwa acht Millimeter großen Raupen in aller Ruhe, ihre bewegungsunfähige Beute aufzufressen ? bis nur noch das Schneckenhaus übrig bleibt. Die leeren Häuser werden schließlich ganz oder teilweise in die Seidenröhre eingebaut, in der die Raupen leben. Das haben zwei hawaiianische Forscher in den Regenwäldern der Insel Maui beobachtet.
Die Larven der meisten Schmetterlings- und Mottenarten sind reine Vegetarier und leben von Blättern oder totem Holz. Lediglich 0,13 Prozent aller bekannten Arten fressen Fleisch ? bevorzugt weiche Insekten oder Ameisenlarven. Die Raupen der neuen Art Hyposmocoma molluscivora sind die einzigen bislang bekannten Larven, auf deren Speiseplan Schnecken stehen, berichten die Forscher. Noch ausgefallener als die Auswahl ihres Futters ist jedoch die Art, wie die Raupen es zur Strecke bringen: Sie suchen sich Exemplare der Schneckengattung Tornatellides, die sich gerade auf einem Blatt ausruhen, und kleben das Schneckenhaus mithilfe von Seidenfäden aus ihrer Spinndrüse am Untergrund fest.
Auf diese Weise verhindern die Raupen sowohl, dass sich die Schnecke vom Blatt fallen lässt, als auch, dass sie sich in ihr Haus zurückzieht und es versiegelt. Anschließend schieben sich die Raupen aus dem zylinderförmigen Gehäuse aus Seidenfäden, Algen und kleinen Schneckenhäusern, in dem sie leben, dringen in das Schneckenhaus ein und fressen den weichen Körper der Schnecke auf. Normalerweise dienen die Seidenfäden aus der Spinndrüse ausschließlich zum Bau des Kokons, in dem sich die Raupen verpuppen, schreiben die Forscher. Dies sei das erste Mal, dass eine Verwendung der Fäden beim Beutefang beobachtet wurde.
Mit ihrer ungewöhnlichen Jagdtaktik befindet sich die Raupe auf Hawaii in bester Gesellschaft: Die extreme Isolation der Landmasse hat dazu geführt, dass sich auf den zu Hawaii gehörenden Inseln eine ganze Reihe ausgefallener Beutefangstrategien entwickelt haben, berichten die Wissenschaftler. So gibt es dort neben anderen fleischfressenden Raupen beispielsweise auch Spinnen, die ihre Beute noch während des Fluges in der Luft aufspießen.
Daniel Rubinoff und William Haines (Universität von Hawaii, Honolulu): Science, Bd. 309, S. 575
ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel