Ob Männchen oder Weibchen – beim Rotkehlchen scheinen beide Geschlechter auf den ersten Blick das gleiche Federkleid zu besitzen. Spanische Forscher konnten nun allerdings zeigen, dass sich der Kehlfleck bei Herr und Frau Rotkehlchen durchaus unterscheidet und sich auch mit dem Alter verändert. Vermutlich dient der orangerote Fleck den possierlichen Vögeln deshalb als Informationsquelle über die Eigenschaften des Trägers, glauben die Wissenschaftler.
Das europäische Rotkehlchen ist ein Star unter den heimischen Singvögeln: Besonders im Winter erfreuen sie viele Menschen mit ihrer zierlichen Schönheit und avancierten so zu einem Symbol für die Winter- und Weihnachtszeit. Wissenschaftler um Roger Jovani vom Spanish National Research Council (CSIC) in Sevilla haben sich nun mit dem Markenzeichen des beliebten Vogels beschäftigt: seinem orangeroten Kehlfleck. ?Nach mehr als sechs Jahrzehnten Forschung über Rotkehlchen wissen wir immer noch sehr wenig über die Funktion der auffälligen Farbzeichnung?, sagt Jovani.
Die Vermutung, Rotkehlchen könnten ihre orangerote Brust nutzen, um sich Informationen wie Alter und Geschlecht zu übermittelt, hatte bereits der Ornithologe David Lack im Jahr 1940 erstmals geäußert. Er hatte ein weibliches Tier beobachtet, wie es einen kopflosen Lockvogel aus Stoff attackierte. Diese Reaktion des Rotkehlchens ließ Lack vermuten, dass die rote Farbe des Lockvogels die Aggressivität des Weibchens hervorgerufen hatte: Das Weibchen muss die Attrappe für einen in ihr Revier eingedrungenen Artgenossen gehalten haben.
Bei Rotkehlchen besitzen beide Geschlechter feste Reviere, die sie energisch verteidigen. Dabei kann es zu langen und erbitterten Kämpfen zwischen dem Revierhalter und dem Eindringling kommen. Oft enden die Begegnungen jedoch ohne einen richtigen Kampf, denn es reicht meist aus, wenn der Verteidiger des Reviers singt und dem Eindringling seine orangerote Kehle zuwendet.
Die Jungtiere der Rotkehlchen tragen den typischen Farbfleck noch nicht, sie haben ein braunes Federkleid. Erst durch die Mauser bekommen sie dann ihre charakteristische orangerote Kehle. Nach der zweiten Mauser vergrößert sich die Farbzeichnung. Dies konnten die Forscher nun dokumentieren und somit zeigen, dass das Federkleid der Rotkehlchen sich mit zunehmendem Alter verändert.
Da weibliche und männliche Vögel gleichermaßen ihre Reviere verteidigen, vermuteten Wissenschaftler bisher, dass die Größe und Farbgebung der Kehle bei beiden Geschlechtern gleich sind. Überraschenderweise zeigen die Ergebnisse der aktuellen Studie jedoch, dass beide Geschlechter sich ab dem zweiten Lebensjahr unterscheiden. Bei den Weibchen ist die orangerote Kennzeichnung im zweiten Lebensjahr kleiner als bei den Männchen. Und es gibt noch einen weiteren Unterschied: Die auffällige orangerote Brust wird zwar bei beiden Geschlechtern durch einen grauen Ring aus Federn eingerahmt, dieser ist bei älteren männlichen Tieren allerdings größer als bei weiblichen.
Da sich die Farbgebung des Gefieders mit dem Alter ändert und sich bei den zweijährigen männlichen und weiblichen Tieren unterscheidet, sind sich Jovani und seine Kollegen nun sicher: Die Farbzeichnung der Tiere spielt eine wichtige Rolle bei der Übermittlung von Informationen. Die Vögel nutzen die Eigenschaften der Federkleider bei der Erkennung der Geschlechter, bei der Partnerwahl und bei der Verteidigung ihrer Reviere. Um dies nun detaillierter zu untersuchen, wollen die Forscher auch weiterhin genau auf das Markenzeichen des Rotkehlchens blicken.
Roger Jovani (Spanish National Research Council, Sevillia) et al.: Ibis, doi:10.1111/j.1474-919X.2011.01187.x © wissenschaft.de – Maria Georgi





