Superstabil und extrem beweglich
Dieser Aufbau macht die Wirbelsäule der Panzerspitzmäuse – natürlich in Bezug auf ihr Körpergewicht – viermal so stabil wie die anderer Säugetiere und sogar fünfmal widerstandsfähiger gegen Verdrehen als das Durchschnittsrückgrat. Diese Widerstandskraft, das berichtete Allen ebenfalls bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, faszinierte vor allem die ortsansässigen Mangbetu, die glaubten, unverwundbar zu sein, wenn sie Teile der kleinen Tiere bei sich trugen. Dieser Glaube hat übrigens auch zu deren heute noch gebräuchlichen englischem Namen geführt: “hero shrew” – die Helden-Spitzmaus.
Evolutionsbiologen fasziniert dagegen ein anderer Aspekt der merkwürdigen Wirbelsäule: Warum haben die Spitzmäuse nur dieses einzigartige Merkmal? Welche Vorteile hatten sie im Lauf ihrer Entwicklung von ihren kräftigen Oberkörpern und dem stabilen Rückgrat? So etwas lässt sich allerdings erst klären, wenn man verschiedene Arten mit dem gleichen Merkmal miteinander vergleichen kann und, wenn möglich, sogar noch Übergangsformen findet. Doch da gibt es im Fall der heldenhaften Spitzmäuse ein Problem: Bisher kannte man keinerlei nahe Verwandte, und Übergangsformen gab es schon gar nicht – entweder das Tier war eine Panzerspitzmaus inklusive der ungewöhnlichen Wirbel oder eben nicht.
Der langgesuchte Verwandte betritt die Bühne
Jetzt allerdings meldet ein internationales Forscherteam: Wir haben einen Cousin von S. somereni entdeckt! Aufgespürt im Nordwesten der Demokratischen Republik Kongo ging den Biologen ein Exemplar einer bisher unbekannten Spitzmausart ins Netz. Sie ist etwas kleiner als S. somereni, hat ein kürzeres, seidigeres Fell als die eher wolligen Panzerspitzmäuse, einen kleineren Schädel mit weniger Knochenvorsprüngen, breitere Rippen – und, vor allem, eine ungewöhnliche Wirbelsäule: Sie weist ebenfalls die charakteristischen Knochenfortsätze auf, die Verzahnungen sind jedoch bei Weitem nicht so ausgeprägt wie bei S. somereni. Das Tierchen scheint damit tatsächlich eine Übergangsform zwischen der normalen Wirbelsäule der meisten Spitzmäuse und der Heldenvariante von S. somereni zu sein.
Getauft haben die Forscher ihre Maus übrigens Scutisorex thori – eigentlich zu Ehren von Thorvald Holmes Jr., genannt Thor. Er betreut an der kalifornischen Humboldt State University die Sammlung des Wirbeltiermuseums und soll mit der Benennung für seine Hingabe an die Säugetierforschung und -lehre auf Basis von einzelnen Exemplaren geehrt werden, wie die Forscher schreiben. Natürlich sei aber auch der Bezug zur germanischen Gottheit Thor, dem starken Beschützer der Menschen, sehr willkommen. Man schlage vor, die neue Maus umgangssprachlich als “Thors Heldenspitzmaus” zu bezeichnen.





