Nach einem Jahrhundert Forschung mit Labormäusen sollte man meinen, dass die Anatomie der Tiere hinreichend bekannt ist. Doch die kleinen Nager sind immer noch für Überraschungen gut. Hans-Reimer Rodewald von der Universität Ulm hat mit seinem Team nämlich ein neues Maus-Organ entdeckt: einen zweiten Thymus. Der stellt die Forscher jetzt vor Probleme.
Der erbsengroße Thymus sitzt normalerweise in Herznähe und produziert T-Zellen, die im Immunsystem maßgeblichen Anteil an der Bekämpfung von Infektionen haben. Als Rodewald Mäuse mit einem defekten Thymus untersuchte, stieß er per Zufall auf das zweite Organ, das sich im Hals befindet und nicht viel größer als ein Stecknadelkopf ist. Zwar hatte bereits vor 40 Jahren eine Studie einen zweiten Thymus bei Mäusen nahe gelegt, doch sie geriet in Vergessenheit. Rodewald nimmt daher für sich in Anspruch, der erste Wissenschaftler zu sein, der das Organ nachgewiesen hat. Er konnte zeigen, dass es voll funktionsfähig ist.
Viele Wissenschaftler sehen die Entdeckung mit zwiespältigen Gefühlen: Für Untersuchungen des Immunsystems wird Mäusen oft der Thymus entfernt, um herauszufinden, wie und wo der Organismus anderweitig T-Zellen produziert. Die Existenz des zweiten, bislang unbekannten Thymus könnte die Ergebnisse dieser Studien in Frage stellen.





