Falsch, doppelt oder veraltet
Um das herauszufinden, haben Goodwin und ihre Kollegen nach drei klassischen Fehlerquellen gesucht. Als erstes prüften sie, ob die Museumsexemplare richtig benannt sind. Als Beispiel untersuchten sie dafür unter anderem 4.500 Exemplare der afrikanischen Ingwergattung Aframomum in 40 Herbaren aus 21 Ländern. Das überraschende Ergebnis: “Unsere Daten zeigen, dass mindestens 58 Prozent der Pflanzenmuster den falschen Namen trugen”, so die Forscher. Ihre Zuordnung war dabei entweder komplett falsch oder die Museumsexemplare trugen eine veraltete, redundante oder unvollständige Bezeichnung.
Nicht viel besser sah es bei der zweiten Fehlervariante aus: Oft schicken Pflanzensammler Exemplare ihrer Funde gleichzeitig an verschiedenen Sammlungen und Museen. Einmal aufgeteilt, werden diese von verschiedenen Experten beurteilt und bestimmt – und erhalten dann möglicherweise verschiedene Bezeichnungen, obwohl sie von der gleichen Pflanze stammen. Als die Forscher dies am Beispiel von 21.075 Exemplaren einer Familie von Regenwaldbäumen aus Asien untersuchten, wurden sie auch dort reichlich fündig: “Immerhin bei 29 Prozent dieser Pflanzenmuster waren die gleichen Pflanzen in verschiedenen Herbarien unterschiedlich bestimmt worden. “Und das bedeutet, dass mindestens einer der beiden Namen falsch sein muss”, betont Goodwins Kollege John Wood. Und wer nun glaubt, dies sei nur den Dokumentationsmethoden der klassischen Herbarien geschuldet, der irrt sich: Als dritte große Fehlerquelle entpuppten sich unvollständige oder veraltete Artbezeichnungen in großen Online-Datenbanken. So stießen die Forscher in der Global Biodiversity Information Facility Database bei der Pflanzengruppe der Ipomoea auf 40 Prozent veraltete Synonyme, 16 Prozent ungültige Benennungen und elf Prozent gar nicht bis auf die Art hinunter bestimmte Exemplare.
Überforderte Taxonomen
“Zusammen spricht dies dafür, dass mehr als die Hälfte aller tropischen Pflanzenmuster in Sammlungen falsch benannt sein könnten”, sagen die Forscher. “Und dies gilt vermutlich für die Arten der gemäßigten Breiten in ähnlicher Weise.” Das aber bedeutet, dass sich Veränderungen der Pflanzenwelt kaum mehr verlässlich erfassen lassen. Denn wenn die Bezugsdaten fehlerhaft sind, dann kann man kaum mehr feststellen, ob eine Art früher tatsächlich stärker verbreitet war oder dies nur wegen falscher Zuordnung so scheint. Und das gilt nicht nur für Pflanzen: Noch größere Problem befürchten die Wissenschaftler bei den Insekten und möglicherweise noch anderen Organismengruppen. “Konservativ geschätzt könnte daher sogar die Hälfte der gesamten naturhistorischen Proben und Belegexemplare weltweit fehlerhaft benannt und zugeordnet sein”, meint Goodwin.





