Autisten haben nicht nur Nachteile. Sie sehen auch schärfer.
Schon als Kind konnte Temple Grandin so gut sehen, dass sie eine eigenartige Lieblingsbeschäftigung hatte. Wieder und wieder ließ sie Sandkörner durch ihre Finger rinnen und bewunderte ihre Formen. Jedes Korn erschien ihr wie ein kleiner Felsen. Noch heute, mit 61, ist ihr Sehvermögen exzellent. Immer wieder fährt Temple Grandin abends versehentlich ohne Licht, weil sie auch so alles erkennt. Wenn sie in einer langweiligen Konferenz sitzt, mustert sie von ihrem Stuhl aus den Teppich und sucht nach Webfehlern. Die amerikanische Nutztier-Forscherin Temple Grandin ist Autistin. Und das ist offenbar der Grund für ihre scharfen Augen, wie sich jetzt herausgestellt hat.
Das Team des Autismus-Forschers Simon Baron-Cohen von der University of Cambridge verglich die Sehschärfe von 15 normal intelligenten männlichen Autisten mit der von ebenso vielen unauffälligen Männern. Sie alle absolvierten einen schlichten Test, wie ihn Augenärzte einsetzen: Es galt zu erkennen, auf welcher Seite kleine und ganz kleine Kreise eine Lücke aufweisen. Resultat: Autisten sehen 2,8 Mal so scharf wie der Durchschnittsbürger – und damit etwa so gut wie ein Raubvogel. Ein Autist kann auf eine Entfernung von sechs Metern Details erkennen, an die der Normalo bis auf zwei Meter Distanz herantreten muss. Natürlich sehen auch nicht alle Autisten gleich gut. Doch in der britischen Untersuchung übertrumpfte der Autist mit den schwächsten Augen immer noch locker den Nicht-Autisten mit den stärksten.
Woran liegt es, dass Autisten so fantastisch sehen? Die Forscher können momentan nur Spekulationen anbieten. Autisten könnten in der für die Scharfsicht zuständigen Sehgrube im Auge besonders viele Zapfen haben. Sie könnten aber auch mehr von dem Nervenbotenstoff Dopamin aufweisen oder mehr Rezeptoren für ihn haben – entweder in der Netzhaut oder im Nervensystem. Dopamin ist für gutes Sehen wichtig. Oder der Grund ist, dass Autisten im Gehirn mehr von den winzigen Säulen besitzen, die als kleinste Einheit der Nervenschaltkreise gelten.
Die exzellente Sehschärfe könnte aber auch mit einem anderen Phänomen zusammenhängen, das Forscher schon lange fasziniert: Autisten schneiden bei der Mosaik-Aufgabe des viel genutzten HAWIE-Intelligenztests weit besser ab, als nach ihren sonstigen Leistungen zu erwarten wäre. Dabei kommt es darauf an, für jedes Teilchen des Mosaiks das benötigte kleine Muster zu identifizieren, ohne sich vom großen Gesamtmuster irritieren zu lassen. Sich so aufs Detail zu konzentrieren, liegt Autisten. Doch bezahlen sie einen hohen Preis für diese Gabe: Autisten erkennen nur schlecht, wie sich viele Details zu einem großen Ganzen fügen. Möglicherweise tun sie sich deshalb schwer mit Gesichtern und den Gefühlen, die sich in ihnen spiegeln, überlegen die britischen Forscher.
Der Sinn fürs Detail kann aber auch nützen. Die Autistin Temple Grandin beobachtete zu Beginn ihrer Forscher-Karriere, wie Kühe in einer Anlage zum Impfen bugsiert wurden. Sie bemerkte, dass die Tiere oft anhielten, wenn etwa eine Jacke an einem Zaun hing. Und ihr fiel auf, dass sie sich weigerten, über Schatten zu gehen. Den meisten Ranchern war das entgangen. Heute ist Temple Grandin in den USA eine führende Spezialistin für Tierhaltungsanlagen. ■
von Jochen Paulus





