Die Evolution hat dem modernen Menschen auch noch während der vergangenen 10.000 Jahre ihren Stempel aufgedrückt, sagen amerikanische Wissenschaftler. Die Forscher haben bei der Analyse des Erbguts von 209 Menschen aus Ostasien, Afrika und Europa insgesamt mehr als 700 genetische Variationen ausgemacht, die wahrscheinlich erst in den vergangenen Jahrtausenden entstanden und sich unter dem Selektionsdruck der Evolution ausgebreitet haben.
Als Beispiel für die Evolution auch beim modernen Menschen nennt Studienleiter Jonathan Pritchard von der Universität von Chicago die Fähigkeit, den Milchzucker Laktose zu verdauen, die erst vor einigen tausend Jahren durch eine zufällige Veränderung eines Gens entstand. Menschen ohne das entsprechende Gen leiden an der so genannten Laktose-Intoleranz und bekommen beim Genuss von Milchprodukten Verdauungsprobleme. Die Mutation konnte sich nach ihrem ersten Auftreten schnell unter den Hirtenvölkern Asiens und Europas ausbreiten, da sie ihren Trägern den Überlebensvorteil bot, auch größere Mengen Milch problemlos zu verarbeiten. Heute ist diese Genvariante bei etwa neunzig Prozent aller Europäer zu finden.
Solche Entwicklungen gab es bei viel mehr Genen als bisher gedacht, schließen die Wissenschaftler aus ihren Analysen. Genvariationen, die auf einen Einfluss von evolutionär wirksamen Umwelteinflüssen hinweisen, betreffen beispielsweise auch die Produktion von Hautfarbstoffen, die Fähigkeit, Fettreserven für Notfälle aufzubauen oder Alkohol umzusetzen ? eine Körperfunktion, die bei vielen Ostasiaten weitgehend fehlt.
Der Mensch habe sich in den vergangenen 10.000 Jahren auf große Veränderungen einstellen müssen, erklärt Pritchard die Hintergründe: Die Entwicklung der Landwirtschaft, die Eroberung neuer Lebensräume, Veränderungen in der Ernährung und im Klima ? all das habe dazu geführt, dass Menschen mit bestimmten Genmerkmalen mit den neuen Verhältnissen besser zurecht kamen und sich diese Varianten daher im Erbgut allmählich durchsetzten.
Jonathan Pritchard (Universität von Chicago) et al.: PLoS Biology, Bd. 4, e72 ddp/wissenschaft.de ? Ulrich Dewald





