Bäche, Flüsse und Ströme sind ein wichtiger Teil der Natur. Denn sie transportieren Wasser, Nährstoffe, Sedimente und andere Komponenten der globalen Stoffkreisläufe ins Meer. Fließgewässer sind zudem ein wichtiger Lebensraum für Fische und andere Wassertiere und eine bedeutende Nahrungsquelle für Vögel und andere Tiergruppen. “Flüsse umfassen einige der artenreichsten Ökosysteme der Welt, aber auch einige der bedrohtesten”, erklären Barbara Belletti vom Polytechnicum in Mailand und ihre Kollegen. Aber auch der Mensch ist in hohem Maße von den Flüssen abhängig: Schon vor Jahrtausenden legte er seine Siedlungen bevorzugt an Flussufern an, nutzte das Wasser, um Mühlen anzutreiben, oder verschiffte Güter auf den Wasserstraßen. “Flüsse leisten unserer Gesellschaft essenzielle Dienste, aber unsere Nutzung dieser Ressource war nahezu immer mit ihrer Fragmentierung verknüpft”, so die Forscher. Im Laufe der Zeit haben dadurch Dämme, Wehre und andere Bauten die Flüsse zunehmend verbaut.
Mehr Flussbarrieren als irgendwo sonst
Wie weit diese Fragmentierung der Flüsse in Europa inzwischen fortgeschritten ist, haben Belletti und ihr Team nun in der bisher umfassendsten Erhebung dazu ermittelt. Dafür sammelten sie Daten zu Wehren, Schleusen und Dämmen in 36 europäischen Ländern aus 120 regionalen, nationalen und globalen Datensammlungen. Diese Daten glichen sie untereinander ab und klassifizierten die Barrieren in sechs Kategorien. Zusätzlich überprüften sie viele Einträge durch Besuche vor Ort. Bei diesen liefen die Forscher jeweils einen 20 Kilometer langen Flussabschnitt ab und kartierten alle Barrieren, die sie im Wasser erkennen konnten. Insgesamt erfassten die Wissenschaftler bei diesen Exkursionen 147 Flüsse und eine Gewässerlänge von 2715 Kilometern, das entspricht rund 0,16 Prozent des gesamten europäischen Flussnetzwerks. Auf Basis aller Daten erstellten sie ein Modell, das die Fragmentierung für das gesamte europäische Flussnetzwerk von mindestens 1,65 Millionen Kilometer Länge zeigt.
“Damit präsentieren wir die erste umfassende Schätzung der Fluss-Fragmentierung in Europa”, sagen die Forscher. Demnach gibt es insgesamt rund 1,2 Millionen Barrieren im europäischen Flussnetzwerk – kein einziger Fluss fließt auf unserem Kontinent noch auf ganzer Länge ungehindert bis ins Meer. Der Medianwert für die Barrierenabstände bei rund 108 Metern. Insgesamt ist die Dichte der Barrieren in den europäischen Flüssen damit höher als sonst irgendwo, wie die Wissenschaftler betonen. “Das macht Europa zum wahrscheinlich am stärksten fragmentierten Flussnetzwerk der Welt”, konstatieren die Wissenschaftler. Den größten Anteil haben kleinere Barrieren wie Staustufen und Sohlenschwellen mit knapp 32 Prozent, gefolgt von Wehren mit gut 30 Prozent, Dämmen und Kanalisierungen unter Straßen mit gut 17 Prozent. Dämme machen dagegen nur gut neun Prozent aus, Schleusen sogar nur 1,8 Prozent.





