Erste Hinweise für die Einzigartigkeit der Tapanuli-Popluation lieferte dann Skelettmaterial eines im Jahr 2013 getöteten männlichen Orang-Utans. “Wir waren völlig
überrascht, dass der Schädel in einigen Merkmalen anders ist, als alles, was wir zuvor gesehen hatten”, erklärt Co-Autor Matthew Nowak von der Southern Illinois University in Carbondale. Nun haben genetische Daten von 37 Orang-Utans das Bild abgerundet: Die Tapanuli-Popluation der Orang-Utans repräsentiert tatsächlich eine eigene Spezies. Die Forscher gaben ihr den wissenschaftlichen Namen Pongo tapanuliensis.
Drei Abstammungslinien identifiziert
“Wir haben drei evolutionäre Abstammungslinien bei den Orang-Utans identifiziert, obwohl derzeit nur zwei Arten beschrieben sind”, sagt Co-Autorin Maja Mattle-Greminger von der Universität Zürich (UZH). Durch bestimmte Merkmale im Erbgut waren auch Rückschlüsse über die Populationsgeschichte der Gattung Pongo möglich. “Die Tapanuli-Orang-Utans scheinen direkte Nachkommen der ursprünglichen Orang-Utans zu sein, die vom asiatischen Festland eingewandert sind. Sie sind damit die älteste evolutionäre Linie innerhalb der Gattung Pongo”, sagt Co-Autor Alexander Nater von der UZH.
Die Analyseergebnisse der Orang-Utan-Genome legen nahe, dass die tiefste Spaltung in der Evolutionsgeschichte der Orang-Utans vor mehr als drei Millionen Jahren stattfand: Damals trennten sich die Wege der Vorfahren der nun neu entdeckten Art ( Pongo tapanuliensis) und die der heutigen Borneo-Orang-Utans ( Pongo pygmeaeus). Die Sumatra Orang-Utans ( Pongo abelii) spalteten sich dann erst vor weniger als 700.000 Jahren von ihren Verwandten auf Borneo ab, sagen die Forscher. Zwischen den beiden Arten auf Sumatra gab es wohl noch einige Zeit Austausch, der dann allerdings endete: “Die Tapanuli-Popluation war bis vor 10.000 oder 20.000 Jahren mit den Populationen im Norden verbunden, danach wurde sie isoliert”, sagt Nater.
Schutzmaßnahmen dringend nötig
“Es ist wirklich sehr spannend und aufregend, eine neue Menschenaffenart im 21. Jahrhundert zu identifizieren”, sagt Co-Autor Michael Krützen von der Universität Zürich. Wie er betont, hat die Geschichte allerdings einen bedrückenden Aspekt: Es gibt nur noch rund 800 Exemplare, hat kürzlich eine unabhängige Studie von indonesischen und internationalen Wissenschaftlern ergeben. Der Tapanuli-Orang-Utan ist somit die am meisten bedrohte Menschenaffenart überhaupt.
“Die Bemühungen zur Erhaltung der Art müssen sich primär auf den Schutz ihres Lebensraums richten”, betont Krützen. Denn vor allem der weltweite Hunger nach Palmöl bedroht unsere neu entdeckten Verwandten: Immer mehr Regenwaldgebiete gehen in der Region zugunsten der Landwirtschaft verloren. Geplant ist auch der Bau eines Damms, der den Lebensraum der Tapanuli-Orang-Utans weiter beschneiden wird. “Wenn nicht früh genug Schutzmaßnahmen eingeleitet werden, wird die neu entdeckte Menschenaffenart bereits in wenigen Jahrzehnten ausgestorben sein”, warnt Nowak, der sich im Rahmen des Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramms für den Tapanuli-Orang-Utan einsetzt.





