Durch seine erstaunliche Entdeckungsgeschichte avancierte der Quastenflosser zu einer Ikone der Evolutionsbiologie. Zunächst kannte man diese Knochenfische mit ihren seltsam beinähnlichen Flossen nur von bis zu 400 Millionen Jahre alten Fossilien. Dabei wurde vermutet, dass Verwandte dieser Kreaturen zu den Vorfahren der Landwirbeltiere gehörten. Im Jahr 1938 folgte dann die Sensation: Vor der afrikanischen Küste wurde ein Fisch gefangen, der aussah wie die fossilen Quastenflosser. Tatsächlich stellte sich die Latimeria chalumnae genannte Art als ein überlebender Vertreter dieser uralten Familie heraus. Offenbar hat dieser Fisch sein archaisches Aussehen im Lauf der Jahrmillionen kaum verändert. Vermutlich war das in seinem Lebensraum auch nicht nötig: Expeditionen zeigten, dass die bis zu zwei Meter langen und über 100 Kilogramm schweren Quastenflosser in Höhlen in einer Tiefe von 150 bis 400 Metern leben.
Weit unterschätztes Lebensalter
Seither wurde der Komoren-Quastenflosser intensiv untersucht. So gingen Forscher auch bereits der Frage nach, wie alt diese Fische werden. Dabei beruhten die Einschätzungen auf der Untersuchung von scheinbaren Wachstumsringen (Makrozirkuli) auf den Schuppen von zwölf Exemplaren. Die Ergebnisse führten zu der Annahme, dass die Fische nicht mehr als 20 Jahre alt werden. Demnach müssten sie aber vergleichsweise schnell ihre beachtliche Größe erreichen. Dies wirkte überraschend, denn die anderen biologischen und ökologischen Merkmale des Quastenflossers schienen eher typisch für Fische mit einer langsamen Entwicklung zu sein. Aus diesem Grund haben die Forscher um Kélig Mahé vom Fischereilabor des Meeresforschungsinstituts IFREMER in Boulogne Sur Mer nun eine neue Untersuchung der Lebenserwartung und der Wachstumsprozesse der prominenten Fische durchgeführt.
Dabei konnten sie auf Probematerial zugreifen, das aus dem französischen Nationalmuseum für Naturgeschichte in Paris stammt. Es beherbergt die größte Quastenflosser-Sammlung der Welt, die von Embryonen der Fische bis zu Individuen von fast zwei Meter Länge reicht. Insgesamt haben die Wissenschaftler Material von 27 Exemplaren untersucht. Im Gegensatz zu den früheren Studien analysierten Mahé und seine Kollegen durch moderne Methoden dabei winzige Feinstrukturen der Schuppen – sogenannte Zirkuli.
“Wir konnten zeigen, dass es sich bei diesen Zirkuli tatsächlich um jährliche Wachstumsmarkierungen handelt, während die zuvor beobachteten Makrozirkuli dies nicht waren”, sagt Mahé. Konkret ergaben die Untersuchungen nun, dass das älteste Exemplar der Stichprobe ein Alter von 84 Jahren erreicht hat. “Das bedeutet, dass die maximale Lebenserwartung von Quastenflossern fünfmal länger ist als bisher angenommen – vermutlich beträgt sie etwa ein Jahrhundert“. Daraus ergibt sich nun auch eine neue Bewertung des Körperwachstums der Quastenflosser, sagt der Wissenschaftler: „Es handelt sich demnach um einen der am langsamsten wachsenden Meeresfische dieser Größe”, so Mahé.






