Um zu überprüfen, welche Tiere ein menschenähnliches Ich-Bewusstsein haben, kommen in der Verhaltensforschung spezielle Spiegeltests zum Einsatz. Als ultimatives Kriterium gilt dabei der sogenannte Markierungstest. Dem Tier wird dabei ein farbiger Punkt auf das Gesicht oder eine andere nicht selbst einsehbare Körperstelle aufgemalt. Wenn es mithilfe seines Spiegelbildes anfängt, diese Markierung bei sich selbst zu suchen und zu erkunden, gilt das als Beweis dafür, dass das Tier sich im Spiegel erkennt und wahrscheinlich ein Ich-Bewusstsein besitzt. Bisher haben diesen Test unter anderem Schimpansen, Elefanten, Delfine, Elstern und Putzerfische bestanden.
Warnrufe als alternativer Test
Hühner hingegen fallen beim Markierungstest typischerweise durch und interessieren sich herzlich wenig für aufgemalte Punkte. Doch muss das wirklich bedeuten, dass sie keine Ich-Wahrnehmung besitzen? Nicht unbedingt, sagt Sonja Hillemacher von der Universität Bonn. Zusammen mit ihren Kollegen hat sie nun einen alternativen Test für Hähne entwickelt, der differenziertere Einblicke in ihre Selbstwahrnehmung liefern soll. „Unser Ziel war es, den Spiegel-Test in einer Umgebung durchzuführen, die dem ökologisch relevanten Verhalten der Hühner besser angepasst ist“, erklärt Co-Autorin Inga Tiemann, ebenfalls von der Universität Bonn.
Hähne sind dafür bekannt, ihre Artgenossen durch spezielle Rufe zu warnen, wenn ein Raubtier wie ein Greifvogel oder Fuchs auftaucht. Sind jedoch keine Artgenossen in der Nähe, bleiben die Vögel meist stumm, um unentdeckt zu bleiben. Dieses Verhalten konnten Hillemacher und ihr Team auch an 58 Hähnen im Labor beobachten. Wenn sie zwei Hähne mit einem Gitter voneinander trennten und dann über einem von ihnen die Silhouette eines Greifvogels an die Decke projizierten, stieß dieser häufig einen Warnruf für seinen Artgenossen nebenan aus. War er allein mit dem Raubvogel, verhielt er sich jedoch meist ruhig. Wie aber würden die Hähne reagieren, wenn man das Gitter durch einen Spiegel ersetzt? Würden sie einen Warnruf ausstoßen, weil sie in dem Spiegelbild einen Artgenossen zu erkennen glauben? Oder würden sie schweigen, weil sie begreifen, dass sie allein mit dem Raubvogel sind?
Hähne erkennen sich womöglich selbst
Das Ergebnis: In 174 Spiegel-Durchläufen zeichneten die Forschenden insgesamt nur 25 Warnrufe ihrer Hähne auf. „Das beweist, dass die Hähne in ihrem Spiegelbild keinen Artgenossen identifizierten“, sagt Hillemacher. Denn sonst hätten sie deutlich häufiger versucht, diesen vor dem Raubvogel zu warnen. Was genau die Vögel jedoch stattdessen denken, wenn sie in den Spiegel blicken, ist nicht bekannt. Einerseits könnte das Testergebnis ein Indiz dafür sein, dass sich die Hähne selbst in ihrem Spiegelbild erkannt haben. Andererseits wäre es aber theoretisch auch möglich, dass die Hähne in ihrem Abbild einfach ein merkwürdiges Tier sahen, das ihre Bewegungen nachahmt, und deshalb von einem Warnruf absahen, wie die Biologen erklären. „Hier sind noch weitere Untersuchungen erforderlich“, so Tiemann.





