Jedes Mal, wenn ich im Winter in die Arktis aufbreche, stellt mir garantiert jemand die Frage: „Spitzbergen? Im Januar? Da ist es doch immer nur dunkel, was wollen Sie denn da? Das ist doch total deprimierend!” Spitzbergen liegt ja schließlich auf etwa 80 Grad nördlicher Breite, und es gibt dort wirklich zum Höhepunkt der Polarnacht absolut keinen Unterschied zwischen zwölf Uhr mittags und Mitternacht. Ich antworte dann jedes Mal, wie wunderschön es dort oben ist, auch und gerade zu dieser Zeit der Dunkelheit.
Es ist eine Schönheit, der sich kaum ein Beobachter entziehen kann. Allein diese Stille, wenn man dort oben im Schnee steht und in den sternenübersäten Nachthimmel schaut, an dem sich von einem Horizont zum anderen in weitem Bogen das endlose Band der Milchstraße zieht. Um einen herum sind schemenhaft die schneebedeckten Berge zu erkennen, vielleicht vom Mondschein in milchiges Licht getaucht. Dazu die kristallklare Luft, die beim Einatmen beinahe in der Lunge brennt, und ein leichtes Beißen der Kälte im Gesicht. Wenn man dort steht, und in diesen Himmel schaut, in diese Weite, dann fühlt man plötzlich, wie seltsam klein unsere Erde doch ist, und es bleibt im Hinterkopf höchstens noch Raum für die Überlegung, ob vielleicht gerade jetzt aus der Dunkelheit ein Eisbär auf einen zuspaziert …
Und selbst diese Angst verschwindet, wenn plötzlich dieses leise Leuchten am Himmel erscheint, zunächst nur ganz klein, kaum sichtbar, dann aber rasch immer größer werdend, gewaltiger, bis der gesamte Himmel überschwemmt wird vom Farbenspiel der Polarlichter, die mit ihren grünen Schleiern wie von einer magischen, unhörbaren Musik geführt über die Weite des dunklen Himmels tanzen.
Mit den umstehenden Zeilen hätte dieser Text beginnen können, wenn er nicht von Wissenschaftskommunikation, sondern von Polarlichtern handeln würde. Ein solcher Einstieg hätte dabei zwei Funktionen: Zum einen würde er – hoffentlich – für Interesse am Thema sorgen und eine emotionale Einbindung erzeugen. Zum anderen würde ein solcher Einstieg zusätzlich vermitteln, dass dem Autor das entsprechende Thema sehr nahe ist. Der Text würde authentisch, glaubwürdig erscheinen, und meine Begeisterung für dieses Thema würde sich zumindest zum Teil auf den Leser übertragen.
Nach diesem emotionalen Einstieg könnte in einem entsprechenden Artikel ein kurzer Abriss stehen, welche Rolle die Polarlichter in der Sagenwelt der Wikinger gespielt haben, welche Bedeutung diesen göttlichen, außerweltlichen Schleiern zugemessen wurde – womit sich ein Übergang zum eigentlichen Thema schaffen ließe: zu unserem heutigen Verständnis von Polarlichtern. Weiterhin würde erklärt, wie Polarlichter entstehen: Indem die Teilchen des Sonnenwinds vom Magnetfeld der Erde zu den Polargebieten gelenkt werden und dort in 100 bis 200 Kilometer Höhe mit Sauerstoff-Atomen und Stickstoff-Molekülen zusammenstoßen. Anschließend würde noch ein Exkurs über die Farben der Polarlichter folgen, über ihre Auswirkungen auf menschliche Technik und so weiter.
Damit auch dieser zweite Teil im Bericht über Polarlichter interessant und gut lesbar wird, ist etwas völlig anderes nötig als für die emotionale Einleitung: nämlich vor allem ein tiefes, umfassendes Verständnis des zu beschreibenden Prozesses. Erst ein solches Verständnis erlaubt es, die zugrunde liegenden Fakten schlüssig und damit nachvollziehbar darzustellen.
Dieses Beispiel eines Artikels über Polarlichter verdeutlicht sehr klar die beiden Hauptzutaten für gute Wissenschaftskommunikation: Sie besteht aus der richtigen Mischung von Fakten und dem Bezug dieser Fakten zur eigenen Wirklichkeit – prägnanter ausgedrückt: aus der richtigen Mischung von Fakten und Emotionen.
Wie wichtig gute Wissenschaftskommunikation ist, damit die Wissenschaft ihre Rolle erfüllen kann, Zusammenhänge zu erkennen und zum wahren Wesen der Dinge vorzudringen, hat wohl kaum jemand in bewegendere Worte gefasst als Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht „Die Wünschelrute”. Auch wenn dieses 1835 geschriebene Gedicht in erster Linie eines der schönsten Beispiele für Gedichte aus der Zeit der Romantik ist, lässt es sich, ins moderne übertragen, auch als Hohelied der Wissenschaftskommunikation lesen:
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst Du nur das Zauberwort.
Schöner lässt sich der Zusammenhang von Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation nicht ausdrücken – erst gute Wissenschaftskommunikation bringt die Welt zum Singen, lässt das wahre Wesen der Dinge greifbar werden.
Die große Herausforderung für einen Wissenschaftler, der seine Forschung kommunizieren möchte, liegt vor allem darin, Emotionen und Tatsachen gekonnt zusammenzubringen. Hierbei darf natürlich die wissenschaftliche Genauigkeit niemals vernachlässigt werden. Außerdem hängt die richtige Mischung stark vom Zielpublikum ab: In einer Fachzeitschrift würden zum Thema Polarlichter wohl weder ein Eisbär erwähnt noch Kälte, weder Wikinger noch der Begriff von Schönheit. Emotionen haben in einem Fachartikel moderner Lesart nichts zu suchen.
Im Gegensatz dazu wird bei der öffentlichen Kommunikation von Wissenschaft immer häufiger eine emotionale Deutung der Forschungsergebnisse als notwendig empfunden, um auf dem allgemeinen Markt der Möglichkeiten Gehör zu finden. Mit einer solchen Emotionalisierung geht allerdings eine Gefahr einher. Mögen die wissenschaftlichen Fakten auch noch so zutreffend sein: Je emotionaler ein Text daherkommt, umso eher wird seine Glaubwürdigkeit nicht mehr mit wissenschaftlichen Maßstäben gemessen, sondern mit persönlichen und subjektiven Maß- stäben. Einem kurzfristigen Gewinn an Aufmerksamkeit steht damit möglicherweise ein langfristiger Verlust an Glaubwürdigkeit gegenüber. Um dieses Dilemma aufzulösen, erscheint es unumgänglich, die Balance zwischen Emotion und Fakten nicht zu verlieren. Für den Wissenschaftler heißt das: niemals die wissenschaftlichen Fakten zugunsten eines kurzen Erheischens zusätzlicher Aufmerksamkeit zu opfern.
Es gibt allerdings Bereiche der Wissenschaft, in denen trotz der allerbesten Absichten die reinen Fakten fast automatisch hinter den mit ihnen verknüpften Emotionen zurücktreten. Das vermutlich augenfälligste Beispiel für diese Misere ist die Klimaforschung, bei der Wissenschaftlern teilweise vorgeworfen wird, bei ihren Darstellungen über das eigentliche Ziel hinauszuschießen: zu emotional zu sein, zu wenig wissenschaftlich zu argumentieren. Aber kann man in diesem Themenfeld Fakten und Emotionen wirklich voneinander trennen?
Diese Frage lässt sich gut anhand zweier Beispiele erläutern, die beide aus meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Eis der Polarregionen stammen. Das erste Beispiel bezieht sich auf Meereis, jenes Eis also, das sich bildet, wenn salziges Meerwasser gefriert. Meereis ist deutlich weniger salzig als Meerwasser, weil beim Wachsen von Meereis Salzlake aus dem Meereis herausläuft. Die Details dieses Prozesses bestimmen zum einen die mechanische Stärke und die Wärmeleitfähigkeit von Meereis und sind zum anderen für das Funktionieren der globalen Ozeanzirkulation von entscheidender Bedeutung. Es ist daher für das Verständnis von Klimaveränderungen in den Polarregionen wichtig, wie und wann die Salzlake aus Meereis herausläuft.
Bis vor wenigen Jahren gab es allerdings hierzu nur unzureichendes Wissen. In unserer Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg haben wir jetzt ein Computermodell entwickelt, das erstmals in der Lage ist, diesen Prozess nachzubilden. Auch wenn die Modellsimulation nicht immer genau den Wert der Messungen trifft, ist die allgemeine Übereinstimmung zwischen Modell und Experiment doch so gut, dass wir relativ sicher sind, die zugrunde liegende Physik weitgehend verstanden zu haben und mit dem neuen Computermodell sinnvoll arbeiten zu können.
Dieser Ausflug in die Welt des Meereises zeigt, wie wenig emotional Wissenschaft normalerweise ist. Aus dieser Emotionslosigkeit folgt, dass die Glaubwürdigkeit des angesprochenen Computermodells in der Regel nicht spontan infrage gestellt wird, obwohl es weltweit nur eine Handvoll von Wissenschaftlern gibt, die sich in diesem Thema auskennen und die zugrundeliegenden Annahmen wirklich bewerten können.
Mein zweites, sehr ähnliches Beispiel bezieht sich auf Messungen im Süßwassereis, das als gewaltiger Eispanzer einen Großteil Grönlands und der Antarktis bedeckt. Dieser Eispanzer hat sich dadurch gebildet, dass über Hunderttausende von Jahren der im Winter gefallene Schnee im Sommer nicht abgeschmolzen ist. Im Laufe der Zeit wandelte sich der unten liegende Schnee durch das enorme Gewicht des Schnees darüber in Eis um. Bei einer Bohrung in die Tiefe einer solchen Eiskappe macht der Bohrer eine Zeitreise durch Schnee, der teilweise vor mehreren Hunderttausenden von Jahren gefallen ist. Durch eine Analyse der Eisproben lässt sich aus dem Eiskern der Temperaturverlauf in der Vergangenheit rekonstruieren. Beim Betrachten solcher Messdaten fallen zwei Dinge sofort ins Auge: Große Ausschläge bei der Temperatur zeugen von vergangenen Klimaänderungen, die durch natürliche Schwankungen zum Beispiel der Ozeanströmungen erzeugt worden sind. Im Gegensatz dazu ist das Klima der Erde in den letzten 10 000 Jahren ungewöhnlich stabil geblieben.
Diese 10 000 Jahre haben Menschen weltweit dazu genutzt, Hochkulturen zu entwickeln. Unsere heutige Infrastruktur ist an diesen nahezu gleichbleibenden Klimazustand angepasst: Die Landwirtschaft passt zu den Niederschlägen der jeweiligen Region. Die Lage der Städte schmiegt sich den Küstenlinien an. Hieraus folgt direkt die wohl größte Frage der Klimaforschung: Sind wir Menschen gerade dabei, diesen Zustand eines stabilen Klimas zu beenden?
Um diese Frage zu beantworten, haben in den letzten Jahren weltweit zahlreiche Forschungsgruppen Klimamodelle ersonnen, mit denen sie zunächst einmal in der Lage sind, die Entwicklung des Klimas in der Vergangenheit nachzubilden und somit die Antriebsfaktoren von Klimaschwankungen zu verstehen. Wie bei den Meereisdaten zeigt sich auch bei diesen Simulationen eine grundsätzlich gute Übereinstimmung mit den Messdaten. Wie zuvor können wir also diese Computermodelle benutzen, um Aussagen über die zukünftige Entwicklung des Erdklimas zu treffen, zum Beispiel in Abhängigkeit davon, wie viel CO2 die Menschheit in den nächsten Jahren in die Atmosphäre freisetzen wird.
Derartige Modellsimulationen werden von Tausenden von Wissenschaftlern auf der Welt durchgeführt. Es gibt Dutzende verschiedene Klimamodelle, die im Großen und Ganzen alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Somit müsste die Glaubwürdigkeit dieser Ergebnisse, die Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen Aussage also, dass wir zurzeit das Klima verändern und es auch in Zukunft verändern werden, extrem hoch sein.
Aber sie ist es nicht. Ich vermute, dass die Glaubwürdigkeit dieser Ergebnisse von vielen Menschen geringer eingeschätzt wird, als die Glaubwürdigkeit der Simulationen zum Salzgehalt von Meereis. Dies liegt vor allem daran, dass die Ergebnisse dieser Simulationen jeden Menschen persönlich betreffen. Wer diese Ergebnisse für sich akzeptiert, erkennt an, dass er eine konkrete Verantwortung für das Klima der Zukunft trägt. Insgeheim hofft wohl jeder, dass diese Ergebnisse falsch sind. Aber nach den besten Maßstäben der Wissenschaft sind sie richtig. Sie sind genauso wissenschaftlich und faktenbasiert wie die zuvor gezeigten Messungen aus dem Meereis. Allerdings lassen sie sich nicht von unseren Emotionen trennen.
Als Klimaforscher können wir daher noch so sicher sein, dass unsere Ergebnisse im Großen und Ganzen stimmen. Wir können noch so häufig zeigen, dass Menschen für den größten Teil der Eisschmelze in der Arktis verantwortlich sind und dass dieser Planet in wenigen Jahrzehnten völlig anders aussehen wird als heute. Wir können aus diesen Ergebnissen noch so überzeugend schließen, dass unsere Infrastruktur und unsere Küstenlinien nicht an das Klima der Zukunft angepasst sind und dass unsere Nachkommen vor gigantische Herausforderungen gestellt werden, wenn die Menschheit weiterhin ungebremst Treibhausgase freisetzt. Die mit diesen Ergebnissen unmittelbar verbundenen Emotionen werden ihre Glaubwürdigkeit immer infrage stellen.
Auch wenn der Konflikt von Tatsachen und Emotionen hier nur am Beispiel der Klimaforschung aufgezeigt wurde, so finden sich doch die beschriebenen Muster in vielen Bereichen wieder, in denen Forschungsergebnisse einen direkten Einfluss auf unser Leben haben. Immer wieder wird die wertebasierte Diskussion über die Konsequenzen aus Forschungsergebnissen mit einer Diskussion über die objektiven Forschungsergebnisse an sich verwechselt.
Eine solche Vermischung erschwert es ungemein, effektiv und in einem breiten gesellschaftlichen Konsens auf die Herausforderungen unserer immer komplexeren Zukunft zu reagieren. Innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft werden wissenschaftliche Erkenntnisse immer wieder hinterfragt und auf ihre Gültigkeit hin überprüft. Die Erkenntnisse, die dabei über viele Jahrzehnte den Test der Zeit überstehen, sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit richtig. Dieser Prozess ist nur sehr bedingt auf gesellschaftliche Einflussnahme angewiesen – während eine breite gesellschaftliche Diskussion außerhalb der Wissenschaft absolut notwendig ist, um Einigkeit über die Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen zu erzielen. Durch Klarheit und Objektivität die Grundlage für eine solche breite gesellschaftliche Diskussion zu schaffen, erscheint mir als die größte Herausforderung moderner Wissenschaftskommunikation. •





