Im Nebenhoden von Ratten konnten chinesische Forscher der Wissenschaftsakademie von Shanghai und der Universität von Hongkong eine aus 68 Aminosäuren bestehende Eiweißverbindung mit antibakteriellen Eigenschaften nachweisen. Die in der Zeitschrift Science veröffentlichten Ergebnisse weisen darauf hin, dass der neu entdeckte Wirkstoff auch eine Rolle bei der Spermienreifung spielt.
Defensine sind körpereigene, antibiotisch wirkende Peptide, die in unterschiedlichen Geweben von Mensch und Tier nachgewiesen wurden. Die Arbeitsgruppe um Yong-Lian Zhang hat eine neue Verbindung (Bin 1b) aus dieser Stoffklasse entdeckt, die ausschließlich im Nebenhoden der untersuchten Ratten gebildet wird. Ihre antibakterielle Wirkung wurde mit Hilfe von Zellkulturen aus Nebenhodenepithel und E. coli-Bakterien nachgewiesen.
Eine künstlich hervorgerufene Entzündungsreaktion hatte eine verstärkte Bin 1b-Produktion zur Folge. Daraus schließen die Forscher, dass die Funktion dieses Defensins darin besteht, Viren und Bakterien abzutöten, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden könnten. Damit würde eine Infektion des Hodens verhindert.
Neben dieser Schutzfunktion übernimmt das Bin 1b-Peptid wahrscheinlich auch eine Rolle bei der im Nebenhoden ablaufenden Reifung der Spermien. Indem die Zusammensetzung der Samenflüssigkeit verändert wird, erlangen hier die Spermien zum Beispiel die Fähigkeit zur gerichteten Fortbewegung.
Es gibt Hinweise darauf, dass auch im Nebenhoden von Mensch und Schimpanse Peptide mit Defensin-ähnlicher Struktur gebildet werden. Deren antimikrobielle Wirkung könnte durch die Entwicklung einer Vaginalcreme nutzbar gemacht werden, die Frauen vor Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten schützt. Andererseits wäre eine noch nachzuweisende essentielle Funktion bei der Spermienreifung ein möglicher Ansatzpunkt für eine neue Methode zur Empfängnisverhütung beim Mann.
Joachim Czichos





