Vampirfledermäuse wissen so genau, wo sie zubeißen müssen, weil rund um ihre Nase äußerst empfindliche Infrarot-Rezeptoren angebracht sind. Damit können sie sehr leicht die Stellen identifizieren, in denen das warme Blut ihres Opfers dicht unter der Haut fließt. Neu erfunden haben die Tiere die Wärmedetektoren dabei nicht: Sie haben einfach einen bereits vorhandenen, für schmerzhafte Hitzereize zuständigen Proteinsensor umgebaut, so dass er auch auf geringere Temperaturen reagiert. Dieser Sensor ist übrigens ein alter Bekannter: Es handelt sich um TRPV1, einen Rezeptor, der unter anderem auf den Chili-Scharfmacher Capsaicin reagiert.
Glaubt man Mythen und Legenden, streifen Vampirfledermäuse des Nachts umher ? auf der Suche nach menschlichem Blut. Tatsächlich saugen die maximal 50 Gramm leichten Tiere hin und wieder an Menschen. Allerdings kommt das eher selten und meist nur in Ermangelung ihrer bevorzugten Wirte, der Rinder, vor.
Um sich im Dunkeln zu orientieren, haben die Säugetiere besonders ausgeprägte Sinne. Neben sehr guten Augen verfügen sie über ein exzellentes Gehör. Zudem nutzen sie, wie viele andere Fledermäuse auch, ein Ultraschall-Echo-System. Haben sie damit eine Kuhweide samt Wiederkäuern ausgemacht, nähern sich die Blutsauger auf dem Boden in einer Art geräuschlosem Galopp ihrer Nahrungsquelle. Dann beginnt die Suche nach einer günstigen Bissstelle. Dabei helfen ihnen drei kleine, blattförmige Sensoren um die Nase, hatten bereits frühere Studien gezeigt. Wie genau dieses System funktioniert, konnte nun ein Wissenschaftlerteam von der California University in San Francisco aufklären: Die Sensoren arbeiten wie eine Art Wärmebildkamera ? ausgestattet mit den Infrarot-Rezeptoren, dem umgebauten TRPV1, erkennen die Fledermäuse markante Wärmequellen wie größere Blutgefäße der Rinder und können so gezielt zubeißen.
Die angezapften Kühe selbst bekommen meist gar nichts von den nächtlichen Besuchern mit, denn die Fledermäuse betäuben die Bissstelle zunächst mit Speichel und saugen dann in nur wenigen Minuten 20 bis 30 Milliliter Blut ? etwa die Hälfte ihres Körpergewichts.
Auch im menschlichen Körper ist der Rezeptor TRPV1 zu finden. In Zunge, Haut und Augen reagiert er beispielsweise auf den Kontakt mit Capsaicin. Außerdem ist er für das Schmerzempfinden bei Verbrennungen und Sonnenbrand verantwortlich. Laut des amerikanischen Forscherteams sind die neuen Ergebnisse ein weiterer Beweis für die genetische Variabilität von Rezeptoren, die auf der einen Seite beim Menschen Schmerzen auslösen, um auf eine Verletzung aufmerksam zu machen, und auf der anderen Seite Vampirfledermäusen helfen, den perfekten Biss zu vollführen.
Elena Gracheva (University of California, San Francisco) et al.: Nature, Bd. 476, S.88, doi: 10.1038/nature10245 wissenschaft.de ? Marion Martin





