Nachtfalter halten sich während des Fluges mit hochentwickelten Sinnesorganen in ihren Fühlern im Gleichgewicht. Die Sensoren im unteren Teil dieser Antennen können Drehbewegungen wahrnehmen und verhindern, dass die Insekten bei Luftturbulenzen aus der Flugbahn geworfen werden, fanden amerikanische Wissenschaftler heraus.
Der Biologe Sanjay Sane und seine Kollegen filmten mit einer Hochgeschwindigkeitskamera einen Tabakschwärmer im Standflug vor einer Blüte. Wie sich dabei zeigte, vibrieren seine Antennen mit derselben Frequenz wie seine Flügel. Drehte sich der Falter ? etwa nachdem die Wissenschaftler die Blüte bewegten ? konnten die Forscher eine geringe Auslenkung der Antennen aus ihrer sonst stabilen Schwingungsebene beobachten. Diese Auslenkung ist vergleichbar mit der eines Pendels, das auf einer drehbaren Scheibe montiert ist, und geht auf die so genannte Corioliskraft zurück.
Die Tabakschwärmer können die durch diese Kraft verursachte sehr geringe Krümmung der Antennen wahrnehmen und die Information als Nervensignal an das Gehirn weiterleiten, wie die Forscher in Tests mit elektrischen Impulsen zeigten. Die Falter erfassten Drehbewegungen tatsächlich nur mit diesen Sensoren und nicht mit den ganzen Antennen: Wenn die Wissenschaftler den Insekten die Antennen oberhalb der Sinnesorgane abschnitten, hatten diese offensichtliche Mühe mit dem Fliegen, stürzten häufiger ab oder kollidierten mit den Wänden. Zur Überraschung der Forscher wurden die Nachtfalter wieder flugfähig, als sie die Antennen mit Sekundenkleber wieder befestigten.
Von Fliegen und Mücken ist bekannt, dass ihr Geleichgewichtssinn auf einem ähnlichen Prinzip beruht. Insekten haben üblicherweise vier Flügel, doch bei den Fliegen und Mücken sind die Hinterflügel zu Schwingkölbchen genannten Flügelstummeln verkümmert. Diese Schwingkölbchen bewegen sich beim Flügelschlag mit und nehmen bei einer Richtungsänderung die Corioliskraft wahr.
Sanjay Sane (Universität von Washington, Seattle) et al.: Science, Bd. 315, S. 863 ddp/wissenschaft.de ? Fabio Bergamin





