Die Erde wird wärmer, Extremwetter nimmt zu: Die Folgen des Klimawandels sind weltweit immer stärker spürbar. Aber gibt es vielleicht auch Orte, die von der sich verändernden Welt profitieren? Auf der Suche nach „Climate Havens“, den sicheren Häfen in Zeiten des Klimawandels.
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Text: Gerd Schild
Endloser Sandstrand, grüne Wiesen, sanfte Hügel: Das Dorf Fairbourne ist ein malerischer Ort zwischen dem Snowdonia National Park und der Irischen See. Doch das kleine walisische Küstendorf soll es bald nicht mehr geben – es gilt als das erste Dorf in Großbritannien, das dem Klimawandel zum Opfer fallen wird. Die Kosten für die Instandhaltung des Hochwasserschutzes in dem Ort, in dem der Fluss Mawddach ins Meer mündet, wären dann „höher als der wirtschaftliche Nutzen“. Spätestens in knapp 30 Jahren beginnt demnach der staatlich angeordnete Prozess der Umsiedlung. Der Plan: Alle Häuser, Straßen, Geschäfte und Infrastrukturen werden abgerissen, aus dem Dorf soll wieder Marschland werden. Einen Plan, die Menschen finanziell zu entschädigen, gibt es bislang nicht.
Das abgelaufene Jahr 2025 war nicht das heißeste seit Aufzeichnung. Eine gute Nachricht ist das trotzdem nicht, ordnet es sich doch in die Top 3 ein. Zu den steigenden Temperaturen kommen Wetterextreme wie Starkregen, Stürme, Fluten oder Dürren. In Australien hörte es zeitweise nicht auf zu regnen, im Iran fiel monatelang gar kein Regen. Der Klimawandel verändert die Erde in ungekanntem Tempo. Und das gilt nicht nur für gebeutelte Orte wie in Bangladesch, auf flachen Inseln in Ozeanien oder Regionen, die im wahrsten Sinne verwüstet werden, sondern eben auch für eher neblig-kühle Orte wie Fairbourne.
Wo sollen die Menschen aus Fairbourne hin? Welche Orte und Regionen bleiben möglichst lange von solchen Szenarien verschont? Und gibt es in einer wärmer werdenden Welt vielleicht sogar Orte, an denen es gemütlicher wird?
Climate Havens sind verzweifelter Optimismus
Aus der Suche nach dem vermeintlich klimasicheren Zuhause ist längst ein Markt geworden – mit Wachstumspotenzial. Nur ein Beispiel: In den USA etwa hat der Dokumentarfilmer Michael Hanrahan mit climatehaven.com eine Mischung aus Bildungsplattform für mehr Klimaresilienz und Umzugsberatung gegründet – Survival Kits und hurrikanfeste Regenmäntel gibt es im Onlineshop ebenfalls. Und auch die großen Unternehmensberatungen haben längst Services im Angebot, um möglichst klimasichere Standorte und Investmentfelder für ihre Kunden zu finden.
Vielen Wissenschaftlern nötigt die Idee der „Climate Havens”, sichere Häfen in Zeiten des Klimawandels, eher ein Kopfschütteln ab. „Die Menschen sehnen sich verzweifelt nach Optimismus“, sagte Jesse Keenan, Direktor des Zentrums für Klimawandel und Urbanismus an der Tulane University, kürzlich in einem Interview. Das Konzept gebe den Menschen Hoffnung. Dabei war es Keenan selbst, der die Begriffsbildung vorangetrieben hatte. Er war 2018 für einen Artikel im britischen Guardian nach den bestmöglichen Orten für einen Umzug gefragt worden. Damals sagte er, dass es so etwas wie sichere Orte nicht gäbe, aber dass manche Orte bessere Voraussetzungen hätten – etwa ausreichend Süßwasser. Und nannte den Ort Duluth in Minnesota. Die Resonanz war enorm, die Frage, welche Orte zukunftsfähig sind, trieb Medien und Privatpersonen nach Duluth. Keenan hatte ein Forschungsfeld gefunden. Im Jahr darauf initiierte er mit Studierenden das „Duluth Climigration“ Projekt und entwickelte sogar eine Marketingstrategie. „Die Vorstellung, dass wir einen bekannten Forscher haben, der Duluth als einen Ort identifiziert hat, der eine Art Geheimrezept für Zuflucht, Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit hat, ist etwas, an dem wir teilhaben möchten“, sagte Emily Larson, Bürgermeisterin von Duluth. Die Verwaltung übernahm einen der Slogans aus den Werbekonzepten – und so leben die Menschen dort heute im „climate-proof Duluth“.
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Doch auch wenn es die Alles-wird-gut-Orte nicht gibt, so ist nicht jeder Fleck auf der Erde gleichermaßen von den Folgen des Klimawandels betroffen. Solche einigermaßen sicheren Häfen brauchen aber mehr als angenehme Temperaturen. Es geht um Macht, Ressourcen und Anpassungsfähigkeit: Energie, Wasser, Kapital, Wissen, Regierungsführung. Wer diese Elemente auch während der Klimakrise stabil hält, kann sogar profitieren. Denn – je nach geografischer Lage und Blick auf die Welt – kann der Klimawandel auch Vorteile bringen: längere Vegetationsperioden, erweiterte Schifffahrtsrouten und gestiegene Immobilienwerte in bestimmten Gebieten. Beispielsweise kann ein sich erwärmendes Klima die Landwirtschaft in nördlichen Breitengraden Kanadas und Russlands, aber auch in bergigen Gebieten in den Tropen, rentabel machen.
Flucht in den hohen Norden
Norwegen hat nach Ansicht vieler Fachleute die besten Klimawandel-Adaptionspläne der Welt. Im ND-GAIN Country Index – einem internationalen Index zur Bewertung von Verwundbarkeit durch den Klimawandel und die Fähigkeit zur Anpassung – steht das Land ganz oben. Norwegen kann sich Investitionen leisten – ironischerweise dank des durch Öl- und Gasgewinne gut gefüllten Staatsfonds. Aber das Land hat auch einen Plan. Seit 2013 gibt es eine offizielle Nationale Anpassungsstrategie, koordiniert von der Umweltbehörde Miljødirektoratet im Auftrag des Ministeriums für Klima und Umwelt. Alle wichtigen Maßnahmen und wissenschaftlichen Erkenntnisse sind auf dem öffentlichen Portal klimatilpasning.no dokumentiert – inklusive Risikoanalysen, Anpassungs-Roadmaps und sektorübergreifender Leitlinien. Mit deutschem Pass kann man verhältnismäßig einfach nach Norwegen auswandern – dem Europäischen Wirtschaftsraum EWR sei Dank.
Aber selbst Norwegen ist nicht sorgenfrei. Wie der Klimawandel schon heute das Leben verändert, sieht man etwa in der Region um Tromsø, die größte Stadt im Norden des Landes. Es wird hier immer noch im Sommer nicht dunkel und im Winter kaum hell. Aber der Frühling kommt früher, der Winter später und Schnee fällt seltener als früher.
Ob die norwegische Landwirtschaft vom Klimawandel profitiert? Da ist Marit Jørgensen vorsichtig. „Es gibt Regionen, in denen Landwirte bei den Futterpflanzen durch eine längere Saison vielleicht eine Ernte mehr einbringen können“, sagt die Leitende Wissenschaftlerin im Bereich Lebensmittelproduktion und Gesellschaft beim Norwegischen Institut für Bioökonomie. Die Forschungseinrichtung agiert an der Schnittstelle von Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Umwelt- und Klimaforschung und liefert wissenschaftliche Grundlagen für Politik, Verwaltung und Praxis. Doch selbst in Regionen, die in Teilen von längeren Vegetationsphasen profitieren können, hat die Landwirtschaft mit neuen Problemen zu kämpfen: Starkregen, Dürren, Stürme und, auch wenn es erst einmal widersprüchlich klingt, ausbleibender Schnee. „Wenn hier im Winter kein schützender Schnee fällt, dann können Futterpflanzen Schaden nehmen oder sogar absterben“, sagt Jørgensen.
Sie und ihr Team erforschen aktuell in einem Citizen-Science-Projekt Futterpflanzen unter Praxisbedingungen. Das Projekt soll die Zukunft sichern – mit resilienteren Pflanzen und Landwirten, die besser auf die Veränderungen vorbereitet sind. Denn zum einen weiß man gar nicht, welche Pflanze wo gedeiht: Was im Süden Norwegens gut wächst, kann im Norden oder in höheren Lagen scheitern. Bisherige Sortenversuche finden jedoch meist auf wenigen, zentralen Versuchsfeldern statt – mit begrenzter Aussagekraft für die Fläche des riesigen Landes. Zum anderen will das Forschungsteam die Landwirtschaft attraktiver machen – und das Land so zukunftsfit: „Wir haben in Norwegen wie in vielen Ländern Nachwuchsprobleme in der Landwirtschaft“, sagt Jorgensen. Die Suche nach neuen, stabileren Sorten und die aktive Einbindung der Landwirte in diesen Prozess kann die Zusammenarbeit und Vernetzung stärken, glaubt ihre Kollegin Frøydis Gillund. Sie wird untersuchen, wie sich diese Art der Bürgerwissenschaft auf das Lernen, das Engagement und die Vernetzung unter den beteiligten Landwirten auswirkt. „Man merkt den Landwirten an, dass sie aktiv mithelfen wollen, ihre Zukunft zu sichern“, berichtet sie.
Im Sommer 2025 starteten die ersten rund 90 Landwirte. Jeder Betrieb bekam drei neue Futterpflanzen-Mischungen mit Gräsern und Kleearten zum Testen, ohne genaue Details, was sie da in den Boden einbrachten. Über eine App konnten sie fix einfache Fragen zum Wachstum und zur Reaktion der Pflanzen beantworten: Welche Mischung liefert den besten Ertrag? Welche übersteht den Winter am besten? Gemessen oder gewogen wird in dem Projekt nicht – es geht um praxisnahe Einschätzungen. Um die Qualität der Citizen-Science-Daten zu überprüfen, testen die Forscher die neuen Sorten auch an den festen Standorten etwa in Jæren, Trøndelag und Tromsø.
Sichere Häfen für Landwirtschaft
Das Projekt ist nur eines von vielen in Norwegen. Die Anpassungspläne des skandinavischen Landes zeigen allerdings auch, wie notwendig es ist, an unglaublich vielen Punkten einzugreifen, so umschreibt es Hermann Lotze-Campen. Der Professor für nachhaltige Landnutzung und Klimawandel an der Humboldt-Universität in Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) untersucht, wie der Klimawandel Landwirtschaft und Landnutzung weltweit verändert. Gerade bei Norwegen warnt er vor dem Irrglauben, dass genug Geld, ein Plan und eine progressive Regierung automatisch alles gut machen. Denn im Norden Skandinaviens werde es schneller wärmer als in Deutschland, mit massiven Folgen. „Man sollte nicht unterschätzen, was etwa schnell tauende Permafrostböden für Infrastruktur wie Pipelines oder Verkehrswege bedeuten kann. Auch auf dieses Land kommen enorme Herausforderungen zu“, so Lotze-Campen.
Der Forscher blickt aus vielen Richtungen auf das Thema. Am PIK liefern weltweite Computermodelle Einschätzungen, wie der Klimawandel die Erde verändert. Außerdem berät Lotze-Campen die Landesregierung in Brandenburg zu ganz konkreten regionalen Maßnahmen, damit Felder, Wälder, Wiesen und Gewässer resilienter werden. Und den Alltag eines Bauernhofes kennt der Forscher seit seiner Kindheit: Er ist auf einem Bauernhof in Ostfriesland aufgewachsen und hat, bevor er zu einem der meistzitierten Forschenden in seinem Bereich wurde, eine Ausbildung zum Landwirt gemacht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Landwirt auf der Erde gibt, der an dem Thema Klimawandel vorbeikommt“, sagt Lotze-Campen. Häufigere Klimaextreme wie Hitzewellen, Dürren und Starkregenereignisse werden für landwirtschaftliche Erzeuger zu einer immer größeren Herausforderung, ist er überzeugt.
Im Vergleich zu anderen Regionen der Welt werde Europa und insbesondere Deutschland jedoch nur in geringem Maße vom Klimawandel betroffen sein. Deutschland also als Climate Haven? Zumindest für die Landwirtschaft? So weit würde der Forscher nicht gehen: „Es wird in Deutschland nicht besser, sondern nur weniger schlimm als etwa im hohen Norden oder in Südeuropa“, sagt Lotze-Campen. Wenn der ausgebildete Landwirt noch einmal mit einem Hof starten müsste, seine Wahl wäre klar: Der Hof in Ostfriesland, den seine Schwester heute bewirtschaftet, habe schon sehr gute Bedingungen. Das Meer ist nah, das Klima gemäßigt, die Böden sind gut. „Nein, wenn ich so darüber nachdenke, kann ich mir gerade keinen besseren Ort dafür vorstellen“, sagt Lotze-Campen.
Sicherer Hafen im Urlaub
Der Klimawandel verändert nicht nur, wie und wo wir leben – er hat auch Auswirkungen auf unseren Urlaub. Stefan Gössling forscht an der Universität Lund zu nachhaltigem Tourismus und zu Veränderungen im Reiseverhalten. Gösslings Forscherheimat hat im Vorjahr mit einer großen Werbekampagne das skandinavische Land als „Coolcation“-Ziel empfohlen, also als ein Land, in dem man gut vor einem zu heißen Sommer flüchten kann. „Das ist natürlich ein Versuch, darauf hinzuweisen: Hallo, uns gibt es auch, hier ist es nett und nicht ganz so heiß wie in Sizilien“, sagt Gössling.
Die Zahl der Besucher in Schweden steigt wie auch in Norwegen tatsächlich auch immer weiter. Das ist allerdings ein längerfristiger Trend. Es gebe eine kleine Gruppe von Menschen, die bewusst heiße Orte meiden, sagt Gössling. Aber: Norwegen sei schließlich nicht Italien. „Das ist eine andere Kultur, das ist ein anderes Preisniveau, das sind andere Urlaubsverhältnisse“, sagt Gössling. Und deswegen würden loyale Urlaubsgäste nicht einfach eine Destination gegen eine andere austauschen, wenn die Sommer heißer werden. Weil der Tourismus insgesamt weiter wachse, rücke aber für jeden Gast, der etwa Mallorca im Sommer meide, direkt ein anderer nach.
Bestimmte Urlaubsorte als Climate Havens zu benennen, das möchte Forscher Gössling nicht. Auch er betont, dass die Temperatursteigerungen nicht die einzige Folge des Klimawandels sind. „Auch in den kühleren Regionen nehmen die Probleme zu – es gibt vielerorts mehr Starkregen, ein höheres Waldbrandrisiko, stärkere Stürme, Erosionen an den Küsten“, sagt Gössling. Und diese Auswirkungen seien im Detail nicht vorhersehbar, weil das Wetter eben immer nur für einige Tage im Voraus sicher berechnet werden kann.
In den USA sehe man deswegen schon „Weather Hedging“-Phänomene, bei denen Menschen zwei Urlaube buchen, um einen dann absagen zu können – je nach Wetterlage. Es gibt auch Urlaubsorte, die von der Erwärmung auf den ersten Blick profitieren. „Wir sehen es ja in Deutschland, dass Cafés im Herbst länger ihre Stühle draußen stehen haben oder Orte etwa an der Ostsee mehr Kurzurlauber anlocken, weil es milder ist“, sagt Gössling.
Der Forscher möchte dennoch nicht von Gewinnern des Klimawandels reden – auch weil die Schäden enorm sind. „Im letzten Jahr lag die Schadenssumme bei weltweit etwa 400 Milliarden Euro. Davon hatten die meisten eine Verbindung zum Wetter beziehungsweise dem Klima. „Der Klimawandel trägt in jedem Fall dazu bei, dass diese Kosten schneller steigen“, sagt Gössling. Und er beschreibt: In Florida, wo die Stürme der vergangenen Jahre massive Kosten verursacht haben, ist längst Realität, dass die Versicherungen dort sehr, sehr teuer geworden sind – oder schlicht nicht mehr angeboten werden.
Modernes Nomadentum als Alternative
Einer, der den Begriff der Anpassung anders versteht, ist Parag Khanna. Der Geostratege, Futurist und Bestsellerautor lebt in Singapur – auch eines der Top-Ten Länder des ND-GAIN Country Index – und hat seine Forschung auf globale Trends, Geopolitik und Mobilität spezialisiert. Er ist Gründer und CEO von AlphaGeo, einer Plattform, die Vorhersage von Immobilienwerten in Zeiten des Klimawandels bietet. Mit der internationalen Beratungsfirma Henley & Partners, zu deren Services die Beratung zu sicheren Wohnorten zählt, hat er den Global Investment Risk and Resilience Index entwickelt.
Wenn Khanna aus Singapur umziehen müsste, würde er nach Zürich wechseln, in die Schweiz, die auf dem ND-GAIN Country Index Platz drei belegt. Khanna bezeichnet sie als alpine Oase mit ausreichend Stabilität, Geld und Süßwasser.
In seinem Buch „Move: Das Zeitalter der Migration“ beschreibt er Migration als unvermeidbare und notwendige Anpassungsstrategie der Menschheit an Klimawandel und demografische Verschiebungen. „Die Zeit der Nationen ist vorbei, wir kehren zurück zu unseren nomadischen Wurzeln“, sagte er bei der Buchveröffentlichung. Zwar ist dem Autor klar, dass es sich bei solch einem Gesellschaftsumbau um langfristige Prozesse handelt, dass Nationalgrenzen heute schon Nomadentum erschweren und dass eine Landwirtin aus dem Tschad ihren auf Selbstversorgung ausgelegten Hof nicht einfach an den Zürichsee umsiedeln kann. Dennoch glaubt Khanna: Beweglich sein statt einen sicheren Ort zu suchen – darin liegt die Zukunft.
Dazu passt: Im September 2024 zerstörte der Hurrikan Helene die US-Bergstadt Asheville. Einen Ort, der immer wieder genannt wurde, wenn es um Climate Havens ging.
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