Im Steigerwald im fränkischen Dreiländereck, zwischen Weinbergen und Buchenwäldern, ist Raum für das Unkonventionelle und Überraschende: spazierende Alpakas, schwarze Schweine – und den Traum vom Nationalpark
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Text: Edith Luschmann
Philli will nicht weiter. Er macht ein paar Schritte, bleibt stehen und fängt an zu grasen. Gutes Zureden hilft nicht, er lässt sich nur widerwillig weiterziehen. Sein Kumpel Shiraz ist ebenfalls nicht begeistert. Dabei liebt er es doch, spazierenzugehen. Wahrscheinlich begreift er deshalb nicht, warum wir nach 50 Metern schon wieder umkehren. Auch die Kamera ist ihm offenbar suspekt, weshalb sich das fast zwei Meter großen Lama hinter seiner Besitzerin versteckt. Johanna Fischer, blond, mit rosa Pudelmütze und Outdoorleggings, lässt ihn gewähren und lacht. Es wundert sie nicht, dass ihre Jungs, wie sie ihre neun Alpakas und drei Lamas nennt, gerade etwas bockig sind. „Dieses Schnell-schnell, das geht mit diesen Tieren nicht“, sagt sie. „Sie verlangen unsere volle Aufmerksamkeit.“
Seit 2018 bietet Fischer in Ulsenheim in Mittelfranken, am südwestlichen Ende des Steigerwalds, Alpaka-Spaziergänge durch den Wald oder die Weinberge an. Meist kommen die Gruppen und Familien, weil sie die exotischen Tiere mit ihrem dicken Fell und den ausdrucksstarken Gesichtern süß finden. Aber sind sie einmal mit ihnen unterwegs, ist es genau diese ehrliche und unmittelbare Reaktion, die die Gäste schnell zu schätzen lernen. „Wenn man selbst nervös oder angespannt ist, werden sie auch nervös. Man darf also in sich hineinspüren: Wie geht’s mir gerade und warum verhält sich mein Tier so“, sagt Fischer.
Vor allem Philli, ein Alpaka mit hellem Fell und großen Augen, beherrscht diese Kunst des Spiegelns perfekt. „Als ich anfing, mit ihm zu arbeiten, wollte ich, dass es schnell vorangeht. Aber je mehr Druck ich gemacht habe, umso mehr sträubte er sich. Bis ich gelernt habe, dass ich mich erden muss, entspannen – dann funktioniert das auch.“
Als die Spaziergänger wieder abgehalftert sind und zurück zu ihren Kollegen auf die Koppel springen, gesellen wir uns dazu und genießen das entspannte Treiben. Die Tiere lassen sich von den Menschen nicht stören, beschnuppern nur neugierig unsere Taschen. Den Griff in ihr weiches Fell sollte man sich verkneifen, erklärt ihre Besitzerin. „Das sind Distanztiere, keine Kuscheltiere. Sie lassen das schon mit sich machen, aber man kann sehen, dass sie es eigentlich nicht mögen, angefasst zu werden.“
Vor den Alpakas lebte Johanna Fischer ein anderes Leben. Sie studierte Chemie, fasste schnell Fuß im Wissenschaftsbetrieb und machte Karriere; arbeitete 50, auch mal 60 Stunden die Woche. Bis irgendwann der Punkt erreicht war, an dem sie merkte: Es muss noch etwas anderes geben! Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Tierpark Sommerhausen war ihr klar, dass ein Zurück für sie keine Option mehr war. Da kam ihr die Idee zu „Hannas Glücks-Alpakas“.
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Im Tierpark hatte sie einen Züchter kennengelernt, war von den sanften und neugierigen Tieren fasziniert. Doch der Ausstieg war alles andere als eine Kurzschlusshandlung. „Ich bin da nicht blauäugig ran, sondern hab mir einen Businessplan gemacht. Weil ich nicht wollte, dass die Tiere mich mitfinanzieren, hab ich mir einen Nebenjob gesucht. 2018 habe ich dann die ersten Tiere geholt.“ Seit 2019 geht sie nun mit den Vierbeinern spazieren. Zu jedem Tier kann Johanna Fischer eine Geschichte erzählen, kennt seinen Charakter, hat eine sichtlich innige Beziehung zu jedem ihrer Schützlinge.
In den 1980er Jahren wurden die ersten Alpakas (Vicugna pacos) nach Europa gebracht und dort gezüchtet, vor allem als Wolllieferanten. Später kamen die Hobbyhaltung und eben die Spaziergänge dazu. Ursprünglich kommen Alpakas und Lamas aus den Anden Südamerikas und gehören zu den am längsten domestizierten Haustierrassen, die es gibt: Schon vor 6000 Jahren begannen Menschen, Neuweltkameliden zu zähmen.
Weil die Tiere an die karge Kost des Gebirges gewöhnt sind, ist Kraftfutter tabu. „In 4000 bis 5000 Metern Höhe gibt’s keine Äpfel, keine Karotten, keine Silage“, so Fischer. Sie fressen Kräuter und Gras auf der Weide, dazu bekommen sie ungedüngtes Bioheu und Mineralfutter in Form von Pulver und Knabbersteinen. „Wenn man sie mit anderem vollstopft, werden sie nur krank und dick.“
Aus dem Unterstand kommt uns jetzt eines der Alpakas entgegengelaufen – mit grünen Schlieren im Gesicht. „Ach schau, der hat sich jetzt mit jemandem gestritten!“, lacht Fischer. Lamas und Alpakas spucken hochgewürgte Magensäure, wenn sie untereinander Besitz- oder Machtverhältnisse klären oder Eindringlinge vertreiben wollen. Den Menschen bespucken sie eigentlich nicht. Zumindest dann nicht, wenn sie gelernt haben, zwischen Mensch und Artgenosse zu unterscheiden.
Auch wir können von den Tieren einiges lernen, sagt Johanna Fischer. Etwa, die Welt um uns herum richtig wahrzunehmen. „Wir laufen oft herum und sehen eigentlich gar nichts. Die Alpakas aber sind Fluchttiere, für sie ist jede Veränderung spannend. Wenn irgendwo ein Hase oder Reh springt, bleiben sie stehen, machen ihre Hälse lang und spitzen die Ohren. Dann bleiben auch wir auf unseren Spaziergängen stehen und schauen mal richtig hin.“
Und das Gucken lohnt sich hier im Steigerwald, auch ohne Alpaka an der Seite. Auf der Fahrt von Südwesten nach Nordosten wechseln sich sonnige Weinberge, kleinteilige Kulturlandschaft und teils uralte Waldgebiete ab und man weiß nie, ob hinter der nächsten Kuppe ein kleines Dorf liegt oder eine Stadt – Nürnberg, Würzburg und Bamberg umrahmen das Mittelgebirge. Man kann hier die Ruhe und die Natur genießen, ohne das Gefühl zu haben, in der Einöde gelandet zu sein.
Auf einem Wanderparkplatz etwas außerhalb der Marktgemeinde Ebrach erwartet uns Liebhard Löffler, Rentner, Lokalpolitiker und ein überzeugter Kämpfer für den Nationalpark Nordsteigerwald. Der wurde von der Landesregierung schon einmal abgelehnt, doch die Mitglieder des Vereins Nationalpark Steigerwald, dessen Vorsitzender Löffler ist, und andere Befürworter geben deshalb nicht auf. Das Naturwaldreservat Brunnstube sei das beste Beispiel, warum diese Region geradezu prädestiniert dafür sei. „Man hat hier auf kleinem Raum ganz unterschiedliches Gelände“, erklärt Ulla Reck vom Freundeskreis Nationalpark Steigerwald, während wir durchs Unterholz einen Hang hochstapfen. „Hier gibt es Hänge, feuchte Bachtäler, trockene Geländerücken. Und dadurch ganz unterschiedliche Waldgesellschaften ganz eng beieinander, wie ein kleinflächiges Mosaik.“ Eine „gemischte Vegetationsform“, die in Deutschland als gefährdet eingestuft wird. Es gibt sie nur noch auf 72.000 Hektar und das bedeutendste Vorkommen liegt hier.
Wo die Natur frei walten darf
Durch das Waldstück sind in den vergangenen Jahren einige Stürme gefegt. Und weil im Naturwaldreservat keine Holzwirtschaft betrieben werden darf, kann man hier sehr gut beobachten, was passiert, wenn man die Natur einfach machen lässt. Erich Helfrich, Löfflers zweiter Vorsitzende, deutet auf zwei ineinander verwachsene Bäume mit Beulen und Kuhlen. „Das hier ist zum Beispiel eine schöne Höhle für den Specht oder eine Kleineule. Aber nein, der Mensch haut solche Bäume lieber um und hängt stattdessen Nistkästen auf!“
Wenige Meter weiter ist von einer alten Buche nur noch die äußere Borke übrig, der Rest ist zerfallen. In der freistehenden Rinde erkennt man noch ein kreisrundes Loch. „Das war der Schwarzspecht“, erklärt Günther Oltsch vom Freundeskreis Nationalpark Steigerwald, der viele Wälder der Umgebung kartiert hat und sie und ihre Bewohner kennt wie seine Westentasche. „Der klopft die Bäume ab und sucht solche, die schon ein wenig kernfaul sind. Dann hackt er die Rinde auf und fliegt wieder weg. An der Verletzung setzen sich Pilzsporen fest, die in den Baum eindringen und das Holz weichmachen. Nach drei, vier Jahren fliegt der Specht den Punkt wieder an und kann seine Höhle bauen.“
Sehr viele Bäume auf diesem Spaziergang sind tot. Doch im Gegensatz zu Wäldern, die durch Trockenheit, Krankheiten oder Schadinsekten ausgezehrt sind, wirkt dieses Gebiet alles andere als bedrückend. „Das Leben im Baum nach dessen Tod ist hier im Wald ganz wichtig. Da entsteht so viel, was sonst keine Chance hätte, wenn wir nur an den Holzgewinn denken“, sagt Ulla Reck. „Und Totholz speichert auch jede Menge Wasser, das kühlt den ganzen Wald.“ Das demonstriert Reck, indem sie nach einem Stück am Boden greift und es ausdrückt wie einen Schwamm. Rot gefärbtes Wasser läuft über ihre Finger und tropft auf den Waldboden, der sich durch die dickere Humusschicht ebenfalls weicher und feuchter anfühlt als in anderen Teilen des Waldes. Mit Blick auf immer trockenere Sommer ist dieses Mikroklima Gold wert. „An heißen Tagen sind dann auch Amphibien in solchen verrottenden Stämmen.“
All diese Prozesse würden nicht funktionieren ohne Pilze. „Ohne sie würde hier alles liegen bleiben. Denn Holz verrottet ja nicht einfach“, erklärt jetzt Günther Oltsch. Wer sich auskennt, der kann an den Pilzen auch erkennen, wie es einem Wald geht oder in welchem Zustand des Verfalls ein alter Baum ist. „Zum Beispiel haben wir hier Stachelbärte, sehr seltene Pilze, die auch erst recht spät im Zersetzungsstadium kommen.“
Langsam geht es weiter, überall liegen Bäume kreuz und quer, einige wohl erst seit Kurzem, andere schon fast zersetzt. Und immer wieder fällt irgendeinem Mitglied der Truppe eine Besonderheit auf. Hier ein Pilz, den man noch nicht kannte, dort ein frisch abgebrochener Ast, da ein seltener Käfer. Das ganze Schutzgebiet: eine Schatztruhe. Doch während die Naturschützer der Natur hier möglichst viel Ruhe und Freiraum verschaffen wollen, sehen sich Jäger oder Sägewerkbesitzer bedroht. Sie fürchten Betretungsverbote und Enteignungen, sprechen von Holz, das verkommt und einem Wald, um den man sich doch kümmern müsse. Im Grunde ja verständlich, sagt auch Liebhard Löffler. „Keiner von uns hat etwas gegen Forstwirtschaft. Wir brauchen ja Holz.“ Aber das müsse beides nebeneinander funktionieren: „Wir brauchen auch großflächige Schutzgebiete, um Naturdynamik und Anpassungsfähigkeit zu gewährleisten, und wir brauchen kleine Trittsteine oder Naturwaldreservate im Wirtschaftswald.“ Der Nationalpark, wie sie ihn sich wünschen, würde neun Prozent des Naturparks Steigerwald umfassen und komplett im Staatswaldgebiet liegen. Doch der Widerstand ist groß und die Fronten werden immer härter. „Die kommen mit Argumenten, die so nicht stimmen“, empört sich Erich Helfrich über die Gegner. „Es seien nur die Städter, die diesen Park wollen. Aber wir sind fast alle von hier! Und in der letzten Umfrage war die Mehrheit der Anwohner für den Nationalpark.“
Wir stehen inzwischen vor der Hans-Eisenmann-Buche. Ein imposanter Baum, über dessen Alter selbst Oltsch nur spekulieren mag, mindestens 300 Jahre ist seine vorsichtige Schätzung. Benannt ist die Buche nach dem früheren bayerischen Forstminister, einem Hauptförderer des Nationalparks Bayerischer Wald. So wie Georg Sperber, der später im Steigerwald Revierförster war und für alle hier Lehrmeister und Vorbild ist. Sperber war auch mit Horst Stern, dem Gründer von natur gut bekannt. Und um das Gespann komplett zu machen: Auch der bekannte Tierfilmer Bernhard Grzimek hatte nicht weit von hier eine Mühle. Der Steigerwald als Alterswohnsitz der Umweltbewegung? Hier unter Buchen, die schon Generationen von Menschen stoisch überdauert haben, klingt das irgendwie stimmig.
Dass im Steigerwald so alte Baumbestände erhalten sind, ist keine Selbstverständlichkeit. In der Vergangenheit dienten die weiten Wälder den sie umgebenden Städten – als Jagdgebiet und Holzlieferanten. 1706 ließ das Fürstbistum Würzburg die erste Glashütte im Steigerwald errichten. Schnell wurde daraus ein bedeutender Industriestandort, das dort hergestellte Mondglas wurde bis nach Holland exportiert. Doch zum Wohnen war der Ort nie gedacht.
Keramikkunst in alten Mauern
Heute ist von der Fabrik nur der Name geblieben und Fabrikschleichach ein idyllisch anmutendes Dorf mit einer sehr großen Kirche, einem sehr kleinen Museum und einer Keramikwerkstatt in der ehemaligen Pottaschesiederei. Als Susanne Lillich die Tür öffnet, fällt die Abendsonne auf weiße Strähnen in dunklen Haaren und wache Augen. Die Keramikmeisterin hat das Gebäude 1980 gekauft und sorgt seither dafür, dass seine Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, sondern durch ihr Handwerk mit neuem Leben gefüllt wird.
In dem Café, das gleichzeitig ihr Ausstellungsraum ist, liegt die Chronik des Dorfes aus. Auf alten Plänen ist neben der eigentlichen Fabrikhalle der „Holzgarten“ eingezeichnet, ein großes Areal, in dem die Stämme aus dem ganzen Steigerwald ankamen und getrocknet wurden. „Unmengen Holz haben die in den Öfen für die Schmelze verheizt“, sagt Lillich. „Und in diesem Gebäude hat man dann aus der Asche die Pottasche hergestellt.“ Dazu wurden in Holzfässern Asche und Stroh aufeinandergeschichtet und Wasser darauf geschüttet; die groben Rückstände blieben in dem Stroh hängen, die wasserlöslichen Alkalien wurden ausgespült und zu weißem Pulver eingedampft.
Während Lillich erzählt, verwandelt sich unter ihren Händen ein unförmiger Tonblock in ein Milchkännchen. Mit leisem Surren dreht sich die Töpferscheibe, immer wieder drückt sie ihre Finger in den Ton, schafft so Hohlraum und lässt Wände wachsen. „Das wichtige ist, dass der ganze Tonklumpen im Zentrum läuft“, erklärt sie. „Das Geheimnis liegt darin, wie ich die Hände so halte, dass mir nichts entwischt.“
Eine Kunst, die Talent und viel Übung erfordert. Dennoch gebe es in jüngster Zeit wieder einen regelrechten Run auf das Keramiker-Handwerk, berichtet Lillich. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Susanne Böhm, die neben ihr fertige Stücke mit bunten Motiven bemalt, will sie daher bald auch Workshops anbieten. „Das Bedürfnis ist groß.“ Offenbar zieht es die Menschen in unruhigen Zeiten zu Dingen, die etwas Handfestes haben, etwas Ursprüngliches und Beruhigendes. Und es wächst der Wunsch nach Autarkie.
Ganz so, wie damals in den 1980er Jahren. „Als wir hier angefangen haben, war ja die Energiekrise“, erzählt Lillich. „Und jeder wollte einen Kachelofen – es gab aber noch keine industrielle Produktion. Mein Mann und ich haben damals angefangen, serienmäßig Ofenkacheln anzufertigen.“ Als die Industrie nachzog, spezialisierte sie sich auf Geschirr und Gartenkeramik, fertigte Geburtsteller, Hochzeitskrüge, Gartenzwerge, was eben gerade modern war. Heute töpfert sie vor allem Geschirr auf Bestellung.
Böhm hört gespannt zu, wenn Lillich von den alten Zeiten erzählt. Sie selbst ist hier geboren, verließ aber das Dorf, machte Karriere, reiste um die Welt – bis ein einschneidendes Erlebnis sie zur Umkehr trieb. Heute ist sie freischaffende Künstlerin und hat in Fabrikschleichach einen Ort gefunden, der ihr gut tut. „Es ist ein lebendiges Dorf“, sagt sie. „Die Ablöse zwischen Alt und Jung funktioniert gut, der Zusammenhalt ist da.“ „Es gibt ja Dörfer, die entvölkern“, ergänzt Lillich, „aber hier bleiben viele Junge da.“ Das Dorf, das nie eines werden sollte, ist heute ein Ort, der Tradition und Zukunft in sich vereint.
Auch Johannes Buchner ist einer, der geblieben ist, um neue Ideen umzusetzen. Der junge Landwirt mit Kappe und Pferdeschwanz hat in Oberlaimbach im Süden des Steigerwalds den Hof seines Vaters übernommen. Doch der Stall steht leer. Stattdessen tobt eine Horde schwarzer Schweine mit wippenden Ringelschwänzchen und freudigen Grunzlauten über die Koppel. „Meine Steigerwälder Schwarzerle“, stellt Bucher sie stolz vor. „Die Rasse habe ich in den Büchern von meinem Opa gefunden. Man nennt sie Cornwall-Schweine, weil sie Mitte des 18. Jahrhunderts von dort eingeführt wurden.“ In Süddeutschland waren die schwarzen Schweine sehr verbreitet. „Aber bis 1960 waren sie komplett ausgestorben, weil sie nicht dem Zuchtziel entsprachen“, so Buchner.
Also holte er sich einige Tiere aus Schottland und fing selbst an zu züchten. „Schwarze Schweine sind besser für die Freilandhaltung geeignet, weil sie robuster und besser gegen Sonnenbrand geschützt sind.“ Den Namen Steigerwälder Schwarzerle hat er sich schützen lassen. Dabei ist das Regionale ein Grundprinzip seiner Arbeit. „Der Metzger ist fünf Kilometer Luftlinie weg, da bring ich jede Woche Tiere hin, die Verarbeitung mache ich selber. Und auch beim Futter kriegen sie vor allem Selbstangebautes.“
Landwirtschaft muss sich lohnen
Dass Tierwohl ihm wichtig ist, sieht man dem Betrieb an. Doch Buchner spürt eben auch am eigenen Leib, dass Veränderung nur möglich ist, wenn auch jemand dafür bezahlt. Deshalb glaubt er nicht, dass die Politik das Leben der Tiere mit Auflagen besser machen kann. „So schön das gemeint ist, es ist zu kurzfristig gedacht“, schimpft er. „Wenn man etwas von oben herab befiehlt, aber der Markt bezahlt es nicht, dann macht man nur die Bauern kaputt, weil dann eben billig im Ausland eingekauft wird.“ Das gelte für die Düngeverordnung und Tierwohlauflagen ebenso wie den Streit um Glyphosat. Bei all dem sei viel Ideologie im Spiel, aber wenig Interesse für die, die es umsetzen müssen. „Zumindest müssten für all das, was wir importieren, die gleichen Auflagen gelten. Aber daran zeigt die Politik kein Interesse.“ Vielleicht, so hofft er, können die aktuellen Lieferengpässe die Menschen daran erinnern, wie wichtig die heimische Landwirtschaft ist.
Von einem kleinen Hügel aus zeigt der Landwirt auf die Nester, kleine Höhlen, in die sich die Tiere nachts oder bei Regen zurückziehen können, und den Wasserwagen mit der Schlammsuhle, in der die Tiere sich im Sommer abkühlen. 30 Ferkel und 15 Mutterschweine hat er gerade im Stall, 40 Tiere sind auf der Koppel. Sie haben ein sichtlich entspanntes Leben und die Bewegung schlägt sich auch in der Qualität des Fleisches nieder. Aber diese Haltung macht viel Arbeit. Sechsmal, vielleicht sogar zehnmal mehr als im Stall, schätzt Buchner.
„Müsste ich nur von der Zucht der Schweine leben, wären 100 zu wenig und ich davon abhängig, was der Vermarkter zahlt.“ Deshalb ist der Vertrieb regionaler Produkte sein zweites Standbein; über einen Hofladen und ein Verkaufsauto verkauft er sein eigenes Fleisch und Waren anderer Bauern. „So habe ich alles selber in der Hand und kann die Preise erzielen, die ich brauche.“ Damit er hinter dem stehen kann, was er tut. Und um seinen Schweinen ein gutes Leben zu bieten. Denn das, so sagt er, ist sein Herzenswunsch.
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