Es ist ein nahezu unglaublicher Glücksfall: In China sind Paläontologen auf eine extrem ungewöhnliche Knochenansammlung gestoßen sie enthält ausschließlich winzige Überreste von Dinosaurier-Embryonen. Die Knöchelchen und Knochenfragmente stammen von mehreren Individuen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien und sind beeindruckende 190 bis 197 Millionen Jahre alt. Das macht sie nicht nur zur ältesten derartig großen Kollektion von Dino-Embryonen, es verrät erstmals auch etwas über die frühe Entwicklung der Tiere. Offenbar wuchsen die Mini-Dinos demnach bereits vor dem Schlüpfen extrem schnell und ließen bereits im Ei ihre Muskeln spielen.
Nur zehn bis zwanzig Zentimeter stark ist das sogenannte Bone Bed, das die Embryo-Knochen enthält. Seine Fundstätte liegt im Süden Chinas in der Provinz Yunnan, in der bereits eine ganze Reihe Dinosaurierfossilien entdeckt wurden. Bisher hat es mehr als 200 Knochenstücke freigegeben und das, obwohl erst etwa ein Quadratmeter freigelegt ist. Dazu gehören Wirbelkörper, Rippenfragmente, Oberschenkelknochen und andere Teile von Gliedmaßen, Schlüsselbeine, ein Beckenknochen und ein paar Schädelelemente. Zusätzlich fanden die Wissenschaftler aus Kanada, Taiwan, Australien, China und Deutschland Reste von Eierschalen, weniger als 0,1 Millimeter dick und trotzdem extrem gut erhalten. Es handelt sich dabei um die ältesten jemals entdeckten Eierschalen von Landwirbeltieren, berichtet das Team.
Viele verschiedene Nester
Die Vielfalt der Knochenstücke und die unterschiedlichen Größen zeigen, dass die Knochen wohl nicht aus einem einzigen Nest stammen in diesem Fall wären alle Tiere etwa gleich alt gewesen. Vielmehr scheint es in der Gegend einen Nistplatz einer ganzen Kolonie mit verschieden alten Gelegen gegeben zu haben, deren Überreste sich im Lauf der Zeit an einer einzigen Stelle ansammelten. Ein Glückfall für die Forscher ist dabei, dass die Knochen praktisch alle einzeln vorliegen. Bisher kannte man hauptsächlich Dino-Embryo-Fossilien, die sich noch im Ei befanden und daher nur sehr schwierig untersucht werden konnten. Zudem gibt es so gut wie gar keine Embryonen aus der Zeit des frühen Jura die meisten stammen aus der Oberkreide, sind damit etwa 125 Millionen Jahre jünger als die jetzt entdeckten und lassen nur Schlüsse über die Entwicklung der späten Dinosaurier zu.
Bei ihrer Analyse konzentrierten sich die Wissenschaftler vor allem auf die Oberschenkelknochen der Dino-Babys, da diese am ehesten Rückschlüsse auf das Wachstum der Tiere zulassen. Wahrscheinlich handelte es sich um Tiere aus der Gattung Lufengosaurus, Pflanzenfresser mit scharfen Krallen und Zähnen, die zur Zeit des Unterjura im heutigen China sehr verbreitet waren. Die Überreste können mindestens 20, vermutlich sogar noch mehr Individuen zugeordnet werden, berichtet das Team. Die 24 Oberschenkelknochen, die die Forscher untersuchten, hatten Längen zwischen 12 und knapp 24 Millimetern. Das heißt, dass die Knochenlänge sich noch während der Entwicklung im Ei verdoppelte laut den Paläontologen ein klares Anzeichen für ein extrem schnelles, gleichmäßiges Wachstum und eine relativ kurze Brutzeit. Das passe zu anderen Funden, die zeigten, dass Lufengosaurus auch nach dem Schlüpfen sehr schnell wuchs, kommentieren die Forscher.
Muskelspiele vor dem Schlüpfen
Auch die Form des Knochens veränderte sich noch im Ei. Speziell ein bestimmter Buckel, an dem einer der großen Beinmuskeln befestigt war, prägte sich während des Wachstums immer stärker aus. Das spreche wiederum dafür, dass die Muskeln bereits im Ei sehr aktiv waren und durch wiederholten Zug auf den Knochen dessen Form prägten. Die kleinen Dinos scheinen sich also in ihren Eiern munter bewegt zu haben ein Verhalten, das auch bei heutigen Vögeln zu beobachten ist. Vermutlich dienten die Muskelspiele dazu, die Dino-Jungen auf das Leben nach dem Schlüpfen vorzubereiten und ihnen einen guten Start zu ermöglichen, so die Forscher.
Besonders beeindruckend sei auch noch ein weiterer Fund gewesen: Einige der Knochen scheinen nicht vollständig versteinert zu sein, sondern noch organisches Material zu enthalten. Im Inneren einiger Fragmente entdeckten die Wissenschaftler Reste eines Materials, bei dem es sich um Kollagenfasern handeln könnte. Sollte sich das bestätigen, wären die Fossilien fast 100 Millionen älter als andere, bei denen Kollagenreste nachgewiesen wurden. “Wir öffnen damit ein neues Fenster in das Leben der Dinosaurier”, kommentiert Studienleiter Robert Reisz von der University of Toronto die Funde. “Das ist das erste Mal, dass wir in der Lage waren, das Wachstum von ungeborenen Dinos zu verfolgen, während sich diese entwickelten. Unsere Funde werden daher einen bedeutenden Einfluss auf das Verständnis der Biologie dieser Tiere haben”, ist er überzeugt.
Robert Reisz (University of Toronto) et al.: Nature, doi: 10.1038/nature11978 © wissenschaft.de Ilka Lehnen-Beyel





