Als das Thermometer die 50-Grad-Marke übersteigt, bin ich kurz davor, Hurra zu rufen. Aber das wäre ein wenig seltsam, weil ich ganz allein in meinem Garten stehe. Deshalb freue ich mich still und leise, nur ein breites Grinsen huscht über mein Gesicht. Denn die hohe Temperatur bedeutet: Die Party in meiner Kompost-WG geht jetzt erst richtig los.
Aber der Reihe nach. Seit gut einem Jahr pachte ich einen Garten. 500 Quadratmeter am Stadtrand von Berlin, sehr sonnig und mit viel Platz für Obst und Gemüse. Seitdem wird fleißig gepflanzt, gewässert und geerntet. Eine Sache habe ich allerdings bislang vernachlässigt: den Kompost. Da ist bisher einfach alles drauf gelandet, was im Garten so übrig geblieben ist. Wird schon irgendwie verrotten, dachte ich. Das ist zwar nicht ganz falsch, aber das geht besser. Nur wie?
Die einschlägige Literatur zum Thema ist zunächst ernüchternd. Von Mischungsverhältnissen wie 25:1 ist da die Rede. Es gibt Tabellen mit Stickstoff- und Kohlenstoffwerten der Pflanzen zum Ausdrucken. Das klingt erst mal ziemlich kompliziert und ich frage mich, ob sich der Aufwand tatsächlich lohnt. Deshalb rufe ich Vera Baumert an. Sie ist Umweltwissenschaftlerin, arbeitet für Greenpeace und hat zum Thema Bodenkunde promoviert. Außerdem bewirtschaftet sie momentan drei Gärten – zwei Komposthaufen inklusive.
Vera Baumert nutzt den fertigen Kompost schon seit Jahren für ihre Obst- und Gemüsepflanzen. Viele von ihnen werden ausschließlich damit gedüngt, abgesehen von sogenannten Starkzehrern mit sehr hohem Nährstoffbedarf wie Tomaten oder Zucchini, die zusätzlich noch Pflanzenjauchen bekommen. Jauchen sind in Wasser vergorene Pflanzenteile, etwa aus Brennnessel oder Beinwell. Das Tolle an Kompost sei, dass er im Beet noch eine Weile verrotte und dabei nach und nach Nährstoffe abgebe. „Dadurch hat man einen Langzeitdünger“, erklärt Baumert. Zusätzlich verbessert Kompost mit seinen relativ groben Partikeln auch die Struktur des Bodens. Ähnlich wie bei einem Schwamm kann Feuchtigkeit besser aufgesogen und so gehalten werden. In einem solchen Boden können Pflanzen gut wurzeln und Hitzeperioden besser überstehen. Das sind doch schon mal sehr gute Gründe, einen Komposthaufen anzulegen, finde ich. Außerdem erspart mir das, Plastiksäcke mit Erde aus dem Baumarkt zu schleppen. Dann lieber selbst machen.
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Baumert rät mir, es nicht zu kompliziert anzugehen. Bei ihr landet einfach alles nach und nach auf dem Kompost, was im Jahresverlauf im Garten so anfällt: abgemähter Rasen, klein geschnittene Äste, verwelkte Pflanzen. Hinzu kommen Küchenabfälle wie Salatreste und Zwiebel- oder Kartoffelschalen. Nicht auf den Haufen kommen gekochte Essensreste oder Fleisch, das könnte Ratten und Mäuse anlocken. So weit, so einfach. Aber auch sie sagt: „Auf die Mischung sollte man schon achten.“
Das ist vor allem deshalb wichtig, damit immer ausreichend Luft an das verrottende Material kommt. Wenn zum Beispiel viel Rasenschnitt auf einmal anfällt, kann man ihn mit etwas Stroh, trockenen Ästen oder zerknüllter Pappe auflockern, sodass kleine Hohlräume entstehen. Sonst pappt der feuchte Rasen dauerhaft zusammen. Er verrottet dann nicht, sondern fault – und das stinkt. Ganz austrocknen darf der Komposthaufen aber auch nicht. Bei längerer Trockenheit sollte man ihn deshalb gießen. Als unterste Schicht empfiehlt mir Baumert etwa 20 Zentimeter grobes Material wie zerkleinerte Äste oder Zweige, damit der Kompost von unten gut belüftet ist.
Es soll also immer luftig und ein bisschen feucht sein im Komposthaufen – diese Tipps sind doch sehr praktikabel. Denn beides ist wichtig für die Tiere, die im Kompost aktiv werden sollen – und die letztlich die Arbeit machen. Im Prinzip schafft man für diese Tiere eine möglichst angenehme Behausung: eine Art Kompost-WG. Zu den größeren Bewohnern gehören Asseln, Tausendfüßer, Käfer und jede Menge Würmer. Und tatsächlich entdecke ich schon beim Aufschichten der ersten Holzhäcksel jede Menge graubraune Asseln. Herzlich Willkommen, denke ich, und nun guten Appetit! Denn die Tierchen futtern sich durch das abgestorbene Pflanzenmaterial. Vor allem die Würmer sind ziemlich gefräßig. Einige Arten können ihr eigenes Körpergewicht vertilgen – und zwar täglich.
Für die neue WG kommt nun jede Menge Futter auf den Kompost: Zweige, verwelkte Pflanzen, gerupftes Unkraut, halb verrottetes Laub, Rasen, Pappe, Kartoffel- und Gurkenschalen und jede Menge Kaffeesatz. Fast zwei Stunden dauert das. Wobei ich nicht erwartet hätte, dass da so viel draufpasst. Die Gartenabfälle habe ich seit Beginn der Saison, also seit gut drei Monaten, gesammelt. In jeder Gartenecke lag praktisch ein Haufen. Nun ist das Holzgestell noch nicht mal bis oben hin voll – und der Kompost wird in den nächsten Tagen noch ein gutes Stück absacken. Aber für die ersten Bewohner der WG sollte es reichen. Noch eine Gießkanne Wasser drüber, fertig, das Festmahl kann beginnen.
Und tatsächlich geht es auch gleich los. Tierchen um Tierchen krabbelt in das Holzgestell. Über den kleinen Wurm, der sich an mir vorbeischlängelt, freue ich mich besonders. Überhaupt geht es in so einem Haufen überaus rege zu, wenn man mal genau hinschaut. Überall kreucht und fleucht es. Die Tiere fressen das Material, zerkleinern es dabei und scheiden es wieder aus. So schaffen sie ideale Bedingungen für die nächsten WG-Bewohner: An der vergrößerten Oberfläche des Pflanzenmaterials siedeln sich Pilze und Bakterien an, die sich bei guten Bedingungen rasch vermehren. Das kann man leider nicht sehen – aber messen. Denn einige Bakterienarten produzieren dabei sehr viel Wärme. Und tatsächlich zeigt das Kompost-Thermometer, das man tief in den Haufen reinsticht, schon am nächsten Morgen 32 Grad – und zwar bei einer Außentemperatur von 18 Grad. Es ist mollig warm in der Kompost-WG.
Aber da geht noch mehr. Denn eine hohe Temperatur ist wichtig. Einerseits beschleunigt sie die Verrottung, andererseits werden dadurch unerwünschte Mikroorganismen abgetötet und Pflanzensamen unschädlich gemacht. Was kann ich tun, um das zu unterstützen? Nachfrage bei Felix Rilk. Er hat Technischen Umweltschutz studiert und baut sehr große Kompostanlagen, sogenannte Bioreaktoren, die bis zu fünf Kubikmeter fassen können. Anwohnergemeinschaften, solidarische Landwirtschaften und Campus-Gärten nutzen seine Anlagen. „In solch großen Behältern steigt die Temperatur schnell mal auf bis zu 70 Grad“, sagt er. Schon deshalb lohnt sich gemeinsames Kompostieren. Felix Rilk betont aber auch die soziale Komponente. „Man lernt die Nachbarn besser kennen, weil man beim Entsorgen der Kartoffelschalen öfter mal ins Gespräch kommt.“
Kleinere Komposthaufen, wie in meinem Garten, werden in der Regel nicht ganz so heiß, weil sie relativ viel Wärme an die Umgebung verlieren. Tatsächlich zeigt mein Thermometer auch nur im Inneren eine erhöhte Temperatur, am Rand ist es sehr viel kühler. Deshalb empfiehlt es sich für Hobbygärtner auch, Pflanzen mit Pilzerkrankungen, wie etwa Mehltau bei Gurken oder Braun- und Krautfäule bei Tomaten, nicht auf den Kompost zu werfen, weil die Pilzsporen bei geringeren Temperaturen nicht zuverlässig abgetötet werden. Um meinen Haufen anzuheizen, könnte ich frischen Grün- und Rasenschnitt untermischen, der sehr schnell verrottet, empfiehlt Rilk. Auch ein paar Handvoll alte Kompost- oder Gartenerde kann man untermischen. Dann sind die nötigen Bakterien und Pilze gleich in größerer Menge vorhanden.
Um zusätzliches Material zu organisieren, laufe ich nun mit Schubkarre und Heugabel durch unsere Gartenanlage. Und während ich noch überlege, ob ich den Nachbarn fragen soll, ob ich seinen Rasen mähen darf, werde ich fündig: Ein Haufen abgeschnittener Gräser liegt am Wegesrand, leider mit reifen Samenrispen, die sich dann vermutlich in meinem Garten verbreiten. Aber egal, die fliegen sowieso überall herum. Ich sichere mir den Haufen, bevor es jemand anderes tut. Und ich ahne schon, dass ich Gartenabfälle künftig mit anderen Augen sehe. Wobei ich den Begriff „Abfälle“ inzwischen ziemlich unpassend finde.
Drei Tage später dann der Hurra-Moment. Die Temperatur im Inneren des Komposthaufens ist tatsächlich auf über 50 Grad gestiegen. Schon erstaunlich, wie schnell das geht. Jetzt sind die thermophilen, also wärmeliebenden, Bakterien richtig aktiv. Größere Tiere wie Asseln oder Würmer ziehen sich in dieser Phase zurück. Nach ein paar Tagen oder Wochen wird die Temperatur fallen, erklärt mir Felix Rilk. Dann kann man den Kompost noch mal umsetzen, also neu aufschichten. Dafür ist eine zweite Kompostkammer praktisch. Beim Umschichten gelangt neuer Sauerstoff in den Haufen und das Material, das bislang außen war, darf nun eine heiße Party feiern. Wenn die Temperatur dann irgendwann auf etwa 20 Grad fällt, ist der Kompost in der Pilzphase. Das Pilzmyzel durchwächst den kompletten Haufen und zersetzt mit der Zeit auch das feste holzige Material. „Die Pilzphase ist wichtig für die Qualität des fertigen Komposts“, betont Rilk. Denn die Pilze sorgen dafür, dass die Nährstoffe für die nächsten Pflanzen wieder verfügbar sind. Und darum geht es ja letztlich. In der moderat warmen Pilzphase kommen auch Asseln, Käfer und Würmer wieder zurück. Es ist ein Kommen und Gehen in meiner WG.
Bis zur Pilzphase wird es noch eine Weile dauern, aber ich merke jetzt schon, wie ich den Kompost mit anderen Augen betrachte. Bis vor Kurzem war er bei uns eine Art Müllhalde. Inzwischen schnibble ich zuhause Salatstrünke, zerstoße Eierschalen und packe gebrauchten Kaffeesatz für meine wärmeliebenden Bakterien ein. Aber wer ist da eigentlich am Werk? Und wie kann ich sicherstellen, dass die Mikroorganismen gut arbeiten? Ich frage bei Christopher Poeplau nach. Er erforscht am Institut für Agrarklimaschutz des Thünen-Instituts die Bodenqualität, sagt aber gleich zu Beginn unseres Gesprächs: „Ich weiß gar nicht, ob ich Ihre Fragen beantworten kann.“ Im Prinzip forsche man seit 100 Jahren an derselben Frage: Wie werden abgestorbene Pflanzen und Tiere, also organisches Material, wieder zu einzelnen Nährstoffen und wer ist daran beteiligt? Man wisse jedoch immer noch wenig darüber, was da im Detail passiert. „Vor allem die Mikroorganismen sind eine Blackbox“, resümiert Poeplau.
Schon erstaunlich, dass wir mittlerweile den Mond umrunden können, aber gar nicht so genau wissen, wie ein Verrottungsprozess funktioniert – denn der ist ja eigentlich grundlegend in der Natur. „Im Prinzip ahmt man mit einem Kompost die Natur nach“, erklärt Poeplau. Nur eben in komprimierter Form. Das Ergebnis ist ein sehr nährstoffreiches Substrat. Es enthält vor allem Nährstoffe wie Stickstoff (N), Phosphor (P) und Kalium (K). Den meisten Gärtnern dürften die Abkürzungen für diese Nährstoffe geläufig sein, denn auf gekauften Düngern ist in der Regel das N-P-K-Verhältnis angegeben. Daneben enthält Kompost in kleineren Mengen noch Stoffe wie Calcium, Magnesium und Schwefel, außerdem Spurenelemente. Also alles, was die neuen Pflanzen brauchen.
Bis ich meinen ersten eigenen Kompost nutzen kann, wird es noch eine Weile dauern. Wie lange genau, hängt von den Bedingungen ab. Umsetzen und warme Außentemperaturen beschleunigen die Verrottung. „Im Sommer geht es schneller, da kann man den ersten fertigen Kompost oft schon nach vier, fünf Monaten entnehmen“, sagt Vera Baumert. Es kann aber auch mal ein Jahr oder länger dauern.
Anlegen kann man einen Komposthaufen zu jeder Jahreszeit. Reifen Kompost erkennt man schließlich daran, dass er nach Erde riecht und locker krümelig ist. Man kann aber auch den Kresse-Test machen, erklärt Baumert. Dazu streut man Kresse-Samen auf eine Kompostprobe, befeuchtet sie und wartet einige Tage. Kresse keimt schnell, entscheidend ist dann aber, ob die Keimlinge gesund weiterwachsen. Bleiben sie kräftig grün und bilden weiße Wurzeln, ist der Kompost fertig. Die WG hat ganze Arbeit geleistet. //
Kompostieren im großen Stil
Wer keinen Garten hat, wirft seine Küchenabfälle in die Biotonne. Je nach Zusammensetzung und regionalem Verfahren kann daraus entweder Kompost entstehen oder durch Vergärung Biogas gewonnen werden.
Bei der Kompostierung in einem Kompostwerk wird der angelieferte Bioabfall erst grob von Störstoffen befreit und dann zur Verrottung in großen Mengen aufgeschichtet. Im Inneren des Komposthaufens entstehen hohe Temperaturen – höher als im kleinen Gartenkompost –, die den Rotteprozess beschleunigen und das Material hygienisieren. Der Kompost wird mehrmals umgeschichtet, um Sauerstoff einzubringen, bis er nach etwa sechs Wochen fertig ist. Übriggebliebene Störstoffe werden noch ausgelesen, dann kann der Kompost als Humusdünger abgegeben werden.
Auch für die Vergärung in einer Biogasanlage wird der angelieferte Biomüll zunächst von Störstoffen befreit. Anschließend kommt er in eine luftdichte Kammer, in der Mikroorganismen die organischen Bestandteile unter Sauerstoffausschluss abbauen. Dabei entsteht Biogas, das zur Energiegewinnung genutzt wird. Die nach der Vergärung verbleibenden Gärreste können anschließend kompostiert und ebenfalls als Humusdünger genutzt werden.
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