Nachdem sie einen Sehnerv bei Ratten durchtrennt hatten, haben Wissenschaftler um Solon Thanos an der Universität Münster einen Weg gefunden, diesen wieder mit dem Gehirn zu verbinden. Der Sehnerv funktioniert wieder normal und überträgt elektrische Signale. Es ist das erste Mal, dass eine solche Operation bei Säugetieren gelungen ist. Die Ergebnisse könnten Wege öffnen, einige Arten von Blindheit umzukehren. Außerdem hoffen die Wissenschaftler, eine Variante des Verfahrens zur Behandlung von Patienten mit Rückenmarkverletzungen anzuwenden.
Verletzte Nervenzellen bei Säugetieren regenerieren sich normalerweise nicht. In dem Narbengewebe, das sich nach einer Verletzung bildet, werden Proteine gebildet, die ein erneutes Auswachsen eines Axons ? dem Teil einer Nervenzelle, der Signale zu nächsten Nervenzelle weiterleitet ? hemmen.
Wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Experimental Neurology (vol. 172, S. 257) beschreiben, haben sie durchtrennte Sehnerven wieder bis zu 14 Millimeter wachsen lassen. Dazu verletzten die Forscher, nachdem sie die Sehnerven bei Ratten durchtrennt hatten, die Linsen in den Augen der Tiere, wodurch das Protein Crystallin freigesetzt wird. Von diesem Protein ist bekannt, dass es den Mechanismus, mit dem sich Zellen selber zerstören, hemmt. Thanos glaubt zudem, dass es auch das Wiederauswachsen der Axone fördert, indem es die Rezeptoren für die wachstumshemmenden Proteine an den Nerven blockiert.
Dem widerspricht Larry Benowitz von der Harvard Medical School, der in früheren Studien gezeigt hat, dass Verletzungen in der Linse den Sehnerven anregen können, bis zu vier Millimeter zu wachsen: Er glaubt, dass die Axone von der Immunantwort auf die Verletzung angeregt werden zu wachsen und nicht durch die hemmende Wirkung des Crystallins. Dennoch sagt er, dass die deutschen Forscher “erstaunliche Stufen des Axon-Wachstums” mit ihrem Verfahren erreicht haben.
Was auch immer der Auslöser des Wiederauswachsens ist ? drei Monate nach dem Eingriff haben sich über dreißig Prozent der Nervenfasern regeneriert. Gegenwärtig studieren die Wissenschaftler das Verhalten der Ratten, um abzuschätzen, wie gut sie wieder sehen können.
Die Kernfrage ist nun, so Jerry Silver von der Case Western Reserve University in Ohio, ob die Ergebnisse auch auf andere Teile des Nervensystems angewandt werden können und mit dem angewandten Verfahren auch beispielsweise Verletzungen des Rückenmarks behandelt werden können.
Nicole Waschke





