Ein See vor etwa 47 Millionen Jahren: Zwei Wasserschildkröten haben sich beim Liebesspiel vereinigt und lassen sich nun verzückt in tieferes Wasser sinken. Doch hier nimmt die romantische Szene ein tragisches Ende: Das Paar gelangt in eine giftige Wasserschicht und stirbt gemeinsam einen sanften Tod. Noch immer vereinigt sinken die toten Tiere nun auf den Grund des Sees und werden versteinert. ? So oder ähnlich stellen sich deutsche Paläontologen die Entstehungsgeschichte von neun Fossilien vor, die jeweils ein Süßwasserschildkrötenpärchen zeigen und in der Grube Messel zwischen Darmstadt und Frankfurt gefunden wurden. Die versteinerten Kopulationen seien die frühesten direkten Nachweise von Sex bei Wirbeltieren, sagen Walter Joyce und seine Kollegen von der Universität Tübingen.
Die Fossilien waren eigentlich schon seit einiger Zeit bekannt, bisher hatte man aber angenommen, es handle sich bei den Paaren um zufällig gemeinsam versteinerte Exemplare der Art Allaeochelys crassesculpta. Doch die aktuellen Analysen offenbarten nun den pikanten Hintergrund der Doppel-Fossilien. Einblicke in Verhaltensweisen urzeitlicher Tiere zu gewinnen, sei etwas ganz Besonders, denn normalerweise sterben Tiere nicht ?in flagranti? und werden dann auch noch konserviert, betonen die Wissenschaftler.
Neun tragische Liebespaare
Insgesamt haben Joyce und seine Kollegen neun Paare der fossilen Schildkröten untersucht. Sieben von ihnen haben direkten Körperkontakt miteinander, und bei zwei Paaren sind die Genitalpartien in eindeutiger Weise verbunden, zeigten die Untersuchungen. Bei jedem Duo handelte es sich außerdem eindeutig um ein Männchen und ein Weibchen. Der Geschlechtsunterschied sei an den unterschiedlich langen Schwänzen der Tiere erkennbar, denn auch bei heutigen Süßwasserschildkröten haben die Männchen stets etwas längere Schwänze als die Weibchen, erklären die Forscher.
Walter Joyce und seinen Kollegen zufolge ermöglichen die Fossilien auch einen einzigartigen Einblick in die Umstände des Todes der urzeitlichen Tiere. Es sei unwahrscheinlich, dass sie bereits in giftigem Wasser mit dem Liebesakt begannen. Von heute noch vorkommenden Süßwasserschildkröten ist bekannt, dass das Paarungsverhalten an der Wasseroberfläche anfängt. Nachdem das Männchen dann das Weibchen von hinten umklammert hat, verfallen die Tiere während der Kopulation für einige Zeit in Ruhe und sinken dabei in tiefere Wasserschichten.
So war das vermutlich auch vor 47 Millionen Jahren, glauben die Wissenschaftler. Man nimmt an, dass der See, der einst dort existierte, wo sich heute die Grube Messel befindet, von Vulkanismus geprägt war. Es könnte deshalb sein, dass tiefere Wasserschichten giftige Substanzen enthielten, die über die Haut in die Körper der Schildkröten gelangten. So schwanden den Tieren vermutlich langsam die Sinne, bis sie in inniger Umarmung starben, um sich dann letztendlich in die kuriose Momentaufnahme aus der Vergangenheit zu verwandeln.
Walter Joyce (Universität Tübingen) et al.: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2012.0361 © wissenschaft.de – Martin Vieweg





