Jean-Claude Marquié von der Université de Toulouse-CNRS und seine Kollegen haben dies nun aufgegriffen und in einer Langzeitstudie mit mehr als 3.000 Teilnehmern überprüft. Unter den zwischen 32 und 62 Jahre alten Probanden hatten rund die Hälfte Erfahrung mit Schichtarbeit in den unterschiedlichsten Berufen, die andere Hälfte nicht. Zu Beginn der Studie im Jahr 1996 unterzogen die Forscher alle Teilnehmer drei verschiedenen Tests der geistigen Leistung. Im ersten Test mussten sich die Probanden Listen mit Wörtern merken, im zweiten ging es darum, in einer vorgegeben Zeit bestimmte Buchstaben in einem Buchstabensalat zu finden und im dritten mussten – ebenfalls unter Zeitdruck – Verknüpfungen von Zahlen und Symbolen hergestellt werden. Dieser Test wurde 2001 und 2006 wiederholt. Für ihre Auswertung prüften die Forscher, ob Teilnehmer, die im Schichtdienst arbeiteten oder gearbeitet hatten genauso gut abschnitten wie gleichaltrige Probanden mit regulären Tagesarbeitszeiten und auch, wie sich eine bereits mehrere Jahre zurückliegende Schichtarbeit noch auf den aktuellen Stand der geistige Leistungen auswirkt.
Geistiger Abbau wie bei 6,5 Jahre Älteren
Das Ergebnis fiel relativ deutlich aus: Die Teilnehmer, die bereits zehn Jahre oder mehr in Wechselschichten arbeiteten, zeigten deutliche Defizite sowohl im Gedächtnistest als auch im Tempo der Informationsverarbeitung. “Ihr Abschneiden entsprach dem von 6,5 Jahren mehr des geistigen Abbaus”, berichten die Forscher. Dabei war die Art der Schichtarbeit – ob als Arbeiter oder Angestellter in gehobener Position – nicht relevant, wohl aber die Dauer der Schichtarbeit: Bei den Probanden, die erst weniger als zehn Jahre lang im Schichtdienst arbeiteten, zeigten sich die geistigen Einbußen nicht, wie die Tests zeigten. Und noch etwas ergaben die Auswertungen: Die negativen Effekte der Schichtarbeit hören nicht sofort auf, wenn man zu einem normalen Tag-Nacht-Rhythmus zurückkehrt. Stattdessen dauert es mindestens fünf Jahre, bis wieder eine Besserung eintritt.
“Unsere Ergebnisse zeigen, dass Schichtarbeit zu chronischen Einbußen in den kognitiven Leistungen führt”, konstatieren Marquié und seine Kollegen. Warum das so ist, haben sie in ihrer Studie zwar nicht untersucht – sie sehen in den Resultaten aber Indizien dafür, dass eine Störung der inneren Uhr zu physiologischem Stress führt. Dieser wiederum hinterlässt im Laufe der Zeit nicht nur körperliche Folgen, sondern macht sich auch im Gehirn bemerkbar. So zeigen Studien, dass besonders der Hippocampus – ein für die Gedächtnisbildung wichtiges Areal – sehr sensibel auf Stresshormone reagiert und durch die ständige Erhöhung dieser Botenstoffe sogar schrumpfen kann. Tatsächlich zeigte sich auch in der aktuellen Untersuchung, dass die Gedächtnisleistungen durch die Schichtarbeit besonders stark beeinträchtigt wurden. “Im Licht dieser und vorhergehender Befunde zu den langfristigen Wirkungen von Schichtarbeit erscheint uns ein kausaler Zusammenhang sehr plausibel”, sagen die Wissenschaftler.





