“Die Therizinosaurier sind bis heute eine rätselhafte Gruppe der Dinosaurier”, erklärt Stephan Lautenschlager von der University of Bristol. Diese Echsen lebten vor rund 145 bis 66 Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Nordamerika und Asien. Fossilien zeigen, dass ihr Körperbau eher dem friedlicher Pflanzenfresser ähnelte: Sie hatten einen eher plumpen, breithüftigen Rumpf, einen langen Hals und kleinen Kopf mit kleinen spitzen Zähnen im Maul. Ein Merkmal allerdings passt nicht ins Bild: Alle trugen gut ausgeprägte, scharfe Klauen an ihren Vorderbeinen – eigentlich eher etwas, was man von einem Fleischfresser wie dem Tyrannosaurus rex und anderen kennt. Bei einigen frühen Formen der Therizinosaurier waren diese eher kurz, kräftig und stark gebogen, bei anderen länger und gerader. Am auffälligsten sind die Klauen des Therizinosaurus cheloniformes: Sie erreichten fast einen Meter Länge. Als Forscher in den 1950er Jahren auf einige dieser fossilen Riesenklauen stießen, hielten sie diese zunächst für die Rippen von ausgestorbenen Riesenschildkröten.
Graben, Kämpfen, Futtersuchen?
Wozu die Therizinosaurier ihre Klauen nutzen, ist bis heute unklar. Denn Fleischfresser waren sie nach bisherigem Kenntnisstand eher nicht. “Sie könnten damit Futter gesucht haben indem sie Nester von sozialen Insekten ausgruben – ähnlich wie Ameisenbären oder das ausgestorbene Riesenfaultier Megatherium”, erklärt Lautenschlager. “Aber mit den Klauen könnten sie auch die Rinde von Bäumen aufgerissen oder pflanzliche Nahrung zu sich hinab gezogen haben.” Genauso möglich wäre es aber, dass die Therizinosaurier ihre Klauen nur zu Imponierzwecken oder für Rang- oder Paarungskämpfe innerhalb ihrer Art einsetzten. Auch der Verteidigung könnten die furchterregenden Riesenklauen gedient haben – eindeutige Hinweise auf ihren Zweck fehlten bisher, so Lautenschläger.
Um das Rätsel der Therizinosaurier-Klauen zu lüften, analysierte und verglich Lautenschlager die Klauenform und -größe von 65 Dinosauriern der engeren und weiteren Verwandtschaft der Therizinosaurier. Auch die Klauen von 46 Säugetierarten zog er hinzu. Zusätzlich erstellte er Computermodelle der Klauen von fünf verschiedenen Therizinosauriern und unterzog sie einem Stresstest. Dafür ließ die Krallen in einer Simulation jeweils drei verschiedene Funktionen ausüben: Graben und Scharren im Untergrund, das Heranziehen und das Durchbohren eines Objekts. In jedem Szenario ermittelte Lautenschlager die Kräfte, die auf die Klaue wirkten und prüfte, ob sie diesen standhalten konnten.
Kein Räuber oder Kämpfer
Das Ergebnis: Offensichtlich gab es nicht den einen, einzigen Zweck für die Klauen der Therizinosaurier, wie Lautenschlager berichtet. Denn allein die Vielfalt der Klauenformen innerhalb dieser Sauriergruppe macht das extrem unwahrscheinlich. So besaß der Therizinosaurier Alxasaurus eher kurze, kräftige Klauen, die im Stresstest sehr gut den Kräften beim Graben standhielten. Die längeren Krallen der meisten anderen Therizinosaurier aber waren fürs Graben eher ungeeignet: Sie zeigten dabei an ihrer Oberseite deutliche Spuren von erhöhter Belastung. Die Riesenklauen des Therizinosaurus cheloniformes schnitten dafür beim Durchbohren und Heranziehen relativ gut ab. Theoretisch könnte der Dinosaurier sie demnach gut zum Heranziehen von Blättern und Ästen eingesetzt haben. Seltsam daran ist aber, dass sein Hals eigentlich lang genug war, um dieses Futter auch so mit dem Maul zu erreichen, wie die Forscher erklärt.





