Eine neue Autobahn durch die Schweiz erweist sich als Glücksfall: Die Bauarbeiten haben 150 Millionen Jahre alte Dinosaurier-Fußspuren zum Vorschein gebracht. Wissenschaftliche Fährtenleser entlocken ihnen nun ihre Geheimnisse.
Erschöpft sitzen die Paläontologen an Holztischen und beugen sich über ihr Mittagessen. Immer wieder schweift der Blick hinüber, dorthin, wo es staubt und kracht. Monströse Schaufellader, Lastwagen mit Reifen, die größer sind als Menschen, schütten ein Straßenfundament auf. „Hier werden bald Autos mit Tempo 120 entlang rasen”, sagt Daniel Marty und gießt sich Dressing über den Salat. „Wir sitzen auf der Autobahn.”
Marty, der die langen Haare zusammengebunden trägt, ist in seiner spärlichen Freizeit ein leidenschaftlicher Windsurfer. Die meiste Zeit ist der 38-jährige Paläontologe aber einer von drei Wissenschaftlern eines 50-köpfigen Grabungsteams, das den Trassenbau der „Transjurane”, der künftigen A16, begleitet. Die Autobahn, die in die Hügellandschaft des Schweizer Jura gefräst wird, führt von Biel nach Boncourt an der französischen Grenze. Ein spektakuläres Projekt: Nicht wegen des Straßenbaus – der ist Schweizer Präzisionsarbeit –, sondern wegen des chirurgischen Schnitts, der durchs Land gelegt wird. Er deckt Beeindruckendes auf: die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
TAUSENDE TAPSER
Die Ausgräber sind hier, westlich vom Dorf Courtedoux, auf eine Römerstraße gestoßen. Und auf Spuren von Urmenschen. Und auf Reste von Mammuts, Riesenhirschen und Wollnashörnern. Und auf Fährten von Dinosauriern. Und auf urzeitliche Krokodile, die einst in einer Lagune Schildkröten jagten. Die Reste aus 150 Millionen Jahren – an einem Ort! Doch dieses einmalige Panoptikum wird in den nächsten Monaten zerstört. Die Paläontologen sind hier, um zu retten, was zu retten ist. Das Spektakulärste sind die rund 150 Millionen Jahre alten Dinosaurierspuren. Sie sind auch der Grund, warum die Schweiz, in Gestalt des Bundesamts für Straßenbau und des Kantons Jura, bisher über 20 Millionen Franken (16 Millionen Euro) in die Ausgrabungen investiert hat. Gigantische Tapser, teils mehr als einen Meter im Durchmesser, ziehen sich zu Tausenden über fußballfeldgroße Flächen. Wo bald die Autobahn sein wird, war schon vor Jahrmillionen ein Dinosaurier-Highway.
Daniel Marty, vom Mittagessen gestärkt, führt auf eine leicht terrassierte Ausgrabungsfläche. Dinospuren sind oft schwer zu identifizieren, doch hier erkennt sie auch der Laie sofort: Es sieht aus, als wäre ein gigantischer Vogel entlang gestakst. „Ein zweibeiniger Theropode”, sagt Marty und erklärt gleich: „Ein Raubsaurier. Man erkennt ihn an den markanten drei Zehen.” An deren Spitzen sind sogar die Klauen zu erahnen. Es könnte ein großer Räuber wie Allosaurus gewesen sein: ein gut zehn Meter langer Fleischfresser mit mächtigen Kiefern, der kaum weniger erschreckend war als der Tyrannosaurus rex, der aber erst rund 70 Millionen Jahre später lebte. Doch eine präzise Bestimmung anhand der Trittsiegel ist nicht möglich. Die Forscher können aufgrund von Fußdurchmesser, Laufweite und Fußform nur ungefähr sagen, um welches Tier es sich handelte und ob es ein Fleisch- oder Pflanzenfresser war.
Zwischen den Theropoden-Spuren finden sich etliche runde Fußabdrücke, die aussehen, als wäre hier ein Riesenelefant herumgetrottet: Sie stammen von den größten Landtieren, die je gelebt haben, den pflanzenfressenden Sauropoden. Ein etwa 18 Meter langer Camarasaurus könnte sie hinterlassen haben. Oder ein Diplodocus. Von dessen bis zu 27 Metern Länge entfielen mehr als 6 Meter auf den Hals. An manchen Stellen sind die Spuren nur zu erkennen, weil die Forscher sie mit Kreide markiert haben. Andere wieder sind so deutlich, als wären sie erst wenige Stunden alt. Die runden Vertiefungen umgibt ein erhabener Steinrand: Reste des zähen Kalkschlamms, der mit einem schmatzenden Geräusch aufquoll, wenn ein Saurier hineintrat.
Erst in den letzten Jahren ist die kleine Schweiz zum Hotspot für große Dinosaurier geworden. Lange glaubte man, das Land habe in der erdgeschichtlichen Epoche des Jura (vor etwa 200 bis 145 Millionen Jahren) noch in den Tiefen des Urmeeres Tethys gelegen. Das änderte sich, als der Paläontologe Christian A. Meyer, heute Direktor des Naturhistorischen Museums Basel, in den letzten 20 Jahren immer mehr Dinosaurierspuren fand. „Die Schweiz ist dank solcher Entdeckungen zum Dinoland geworden”, sagt Meyer. Heute weiß man, dass es hier einst Strände gab, die an ausgedehnten Kalksedimentbänken lagen. Im subtropischen Zeitalter des Oberjura fanden dort riesige Urzeittiere Platz und Nahrung.
NATürliche konservierunG
Es ist nur schwer vorstellbar: Fußspuren vom Rand des Meeres, die Jahrmillionen überdauert haben. Wie kann das sein? Jeder kennt das: Ein Abdruck im Sand – und ein, zwei Wellen später ist er fort. Daniel Marty schüttelt den Kopf: „Das war kein Strand direkt am Meer. Diese Gezeitenflächen wurden von der Flut nicht überschwemmt, sondern waren nur nass, wenn es regnete oder eine Sturmflut kam.” Die Dinos stapften nicht durch Sand, sondern durch Matsch. In ihren Abdrücken sammelte sich Wasser, in dem sich Mikroben munter vermehrten. Als das Sediment austrocknete, ließ das in den Mikroben-Matten ausgefällte Kalziumkarbonat die Spur versteinern. Beim nächsten Sturm wurde sie mit neuem Sediment zugedeckt – und blieb so für eine halbe Ewigkeit erhalten. „Das könnte theoretisch”, Marty bohrt seinen Stiefel in eine fast ausgetrocknete Pfütze, „auch mit meinem Fußabdruck passieren.”
In den folgenden Jahrmillionen bildeten sich nach und nach mächtige Gesteinsschichten darüber, die sich im Zuge der Alpenbildung gehoben haben. Was sich einst auf Niveau des Meeresspiegels befand (der damals 150 Meter höher war als heute), liegt jetzt auf 500 Meter Höhe. „Hier wurden die Schichten nicht gefaltet”, sagt Marty. „Dadurch verlaufen sie noch heute fast horizontal.” Was ein Glück für die Ausgräber ist: Die Spuren lassen sich leicht auf einer großen Fläche freilegen. Mit der Hebung nahm die Erosion zu. „Es ist enorm viel Gestein verwittert” , sagt Marty. Die Schichten der späteren Zeitalter Kreide und Tertiär hat der Zahn der Zeit weggefressen. „Zum Glück ist die Erosion gerade an dieser Stelle angelangt”, meint Marty. Die Dinosaurierspuren liegen gleich unter dem Acker.
BaggerN MIT BEDACHT
Ein Bagger kratzt mit seiner Schaufel vorsichtig Schicht für Schicht weg. „Das ist weicher Mergel. Er liegt oberhalb des Kalkbodens, auf dem sich die Dinospuren befinden”, erklärt der 35-jährige Jean-Paul Billon-Bruyat, der zweite Wissenschaftler des Projekts. Dieser sogenannte Virgula-Mergel ist ein Sediment aus Ton und Kalk, gespickt mit kleinen Austern namens Virgula. Er entstand, als hier der Meeresspiegel anstieg. „Die Flächen sind so groß, dass wir nicht alles per Hand ausgraben können”, sagt der Paläontologe. „Stößt der Bagger aber auf einen Knochen, zücken wir gleich den Spatel.”
Billon-Bruyat geht hinüber zu einem Grabungszelt. Schrill surrt ein feiner Bohrer, mit dem ein Krokodilskelett freigelegt wird. „Im Jura sah es hier aus wie heute auf den Bahamas”, erklärt der Paläontologe. Es gab Lagunen und kleine Inseln. Die Lagunen waren nur wenige Meter tief. Da ihr Wasser sauerstoffarm war, bewahrte es viele Wirbeltierreste vor der Zersetzung. Das macht den Virgula-Mergel von Courtedoux so reich an Funden aus dem späten Jura. „Wir haben viele Fische, darunter auch Haie entdeckt”, sagt Billon-Bruyat, „und über 50 Schildkröten.” Es sind die ersten, die sich ans Leben im Meer angepasst hatten. Das war für sie nicht ungefährlich. Manche der sorgfältig geborgenen Panzer haben münzgroße Löcher: Sie stammen von Krokodilzähnen.
„Wo es viel Beute gibt, gibt es auch viele Jäger.” Billon-Bruyat deutet auf das Skelett, das gerade vom Stein befreit wird. „Steneosaurus: ein Küstenkrokodil.” Im letzten Sommer stieß Billon-Bruyat zum ersten Mal in der Schweiz auf ein marines Krokodil namens Metriorhynchus: über drei Meter lang und zu Lebzeiten 300 Kilogramm schwer. Eigentlich ein Jäger des offenen Meeres, dessen Extremitäten zu Flossen geworden waren: Was machte es in der Lagune? Es war auf der Jagd nach Schildkröten, vermuten die Forscher.
Wo sind die Knochen?
Wenn schon das Wasser so spektakuläre Funde bewahrte, warum hat man dann keine Knochen von Landsauriern gefunden? Die müssen hier doch zuhauf herumgelaufen sein. „Wenn ein Tier auf den offenen Gezeitenflächen starb”, erklärt Daniel Marty, „machten sich Räuber und Aasfresser darüber her.” Wind und Regen verschleppten die Knochenreste dann irgendwohin, wo sie zerfielen. „Außerdem”, gibt Marty zu bedenken, „hinterlässt ein Dinosaurier Millionen von Fußabdrücken, aber nur ein einziges Skelett.” Doch es wäre falsch, die Spuren geringer zu schätzen als fossile Knochen. Denn die Knochen werden nicht unbedingt an dem Ort gefunden, wo das Tier starb. Flüsse oder Meeresströmungen können sie weit weggespült haben. „Spuren hingegen repräsentieren das Leben”, sagt Marty. Sie verraten, in welcher Umgebung die Tiere lebten. „Wir können geradezu Populationsökologie betreiben: Rückschlüsse auf Bestandsgrößen und Sozialverhalten ziehen und über Nahrungsketten spekulieren.” Idealerweise sichten die Forscher beides gemeinsam: Spuren und Skelette.
„Wir stellen unsere Daten auch anderen Wissenschaftlern zur Verfügung”, sagt Marty. Etwa Kent A. Stevens, einem Informatikprofessor aus Oregon, der aus den Knochen virtuelle Modelle konstruiert und so den Dinosaurier-Gang simuliert. „Er lässt seine Rekonstruktionen in unseren Spuren laufen und korrigiert sie entsprechend.” Die Spuren dienen als Realitäts-Check. Je mehr Spuren dokumentiert werden, umso größer ist die Aussagekraft. Und da sind die Funde in der Schweiz Weltspitze.
Martin Lockley von der University of Colorado in Denver, einer der renommiertesten Fährtenleser, ist regelmäßiger Gast im Alpenland. Er rechnet die Jura-Fundstätte unter die Top Ten der Welt. „Sie ist mit Sicherheit die am besten dokumentierte”, sagt Lockley. Bisher wurden über 10 000 Spuren festgehalten, unter anderem per Laserscan und Photogrammetrie, einer Methode, bei der die Objekte dreidimensional abgebildet werden. Auch Abgüsse werden angefertigt und bedeutsame Stücke ausgegraben. Besonders wichtig sind die Spuren, die man verfolgen kann. „Wir haben etwa 220 Fährten von pflanzenfressenden Sauropoden und 240 dreizehige von fleischfressenden Theropoden”, sagt Marty. Die Küstenregion war wohl ein gutes Jagdrevier für Raubsaurier, da hier so viele davon herumliefen. „Nun ja”, sagt Marty, „viele der Theropoden waren nur so groß wie Truthähne.” Kleine Tiere sind agiler und hinterlassen mehr Spuren. Dadurch sind sie überrepräsentiert. Die Räuber von der Spitze der Nahrungspyramide findet man dagegen selten. „Auch ganz große Sauropodenspuren von über einem Meter Durchmesser sind nicht häufig”, erklärt Marty.
Die hohe Dichte von Spuren zeigt: Es ist kein Zufall, dass die Tiere hier einst entlang wanderten. „Sie konnten rasch von einem Nahrungsgebiet zum anderen gelangen”, sagt Marty. „Schon damals gab es hier also eine Art Schnellstraße. „Das sind die Spuren zweier Raubsaurier”, meint Marty und kniet sich hin, um sie genau zu betrachten: „Es waren zwei sehr unterschiedliche Tiere, die nicht zur gleichen Zeit hier gewesen sein müssen.” Das kleinere hatte höchstens Schuhgröße 27. Marty richtet sich auf und erklärt: „Etwa viermal die Spurlänge ergibt die Hüfthöhe. Bei diesem Tier war die Hüfte demnach hier.” Er deutet auf sein rechtes Knie. „Und der Kopf war dann auf einem Meter Höhe.” Also eher ein kleiner Schnapper. Der hat sicher keine Sauropoden angegriffen, sondern in Tümpeln Fische oder kleine Echsen gejagt. „Bei dem hier war das anders.” Marty zeigt auf die zweite Spur. Der Durchmesser beträgt etwa 50 bis 55 Zentimeter. „Die Hüfte war also auf zwei Meter Höhe und der Kopf auf über drei Meter.” Ein Monstrum. „Womöglich ein Allosaurus. Dem sollte man besser nicht begegnen.”
„Also schnell zum Auto”, lacht Marty und fährt zur zweiten Grabungsstätte weiter nördlich. Der Weg staubt fürchterlich. „ Sich hier ein neues Auto zu kaufen, wäre Wahnsinn”, sagt Marty, als er seinen in die Jahre gekommenen VW Polo abschließt. Dann begrüßt er Damien Becker, den dritten Wissenschaftler im Bunde. Becker, 41, ist für die jüngere Vergangenheit zuständig. Die liegt aber auch schon 40 000 Jahre zurück. „Für Paläontologen ist das sehr jung”, meint Becker schmunzelnd. Er geht zu einer Doline, einem riesigen Trichter, gut 20 Meter tief. Es sieht aus, als habe hier eine Bombe eingeschlagen. „In Karstlandschaften entstehen oft solche Löcher, weil das Wasser den Kalk im Stein löst”, erklärt Becker. „Da unten sind wir auf Knochen von Mammuts, Wollnashörnern und Riesenhirschen gestoßen.” Die waren nicht etwa ins Loch gefallen, sondern wurden bei dessen allmählicher Auffüllung hineingesogen. „Wir haben auch Silex-Steinwerkzeuge gefunden, die zur Moustérien-Epoche gehören. Sie könnten von Neandertalern stammen.” Doch Hinweise auf eine dauerhafte Urmenschen-Siedlung gibt es bisher nicht.
EinE der Längsten FäHRten Der Welt
Unerbittlich dringt von der Baustelle der Presslufthammerlärm herüber. Die zweite Fundstelle ist gewaltig: Über 5000 Quadratmeter wurden freigelegt, übersät mit dicken Tapsern. Sie verlaufen kreuz und quer. Die Forscher haben einzelne Fährten farbig markiert. „Hier wanderten zwei Sauropoden nebeneinander her”, erklärt Marty. Über 100 Meter weit lassen sich die Spuren verfolgen. Es ist eine der längsten Fährten der Welt. „Dort drüben verlaufen die Spuren von zehn Tieren parallel: eine ganze Herde, vermutlich von Diplodocus. Die Fußabdrücke liegen sehr dicht beieinander”, erklärt der Fährtenleser. „Brachiosaurus hinterlässt weitere Fährten.”
Für Unkundige sind die Abdrücke schwer zu lesen. „Bei der rosarot markierten Spur sieht man ohnehin nur die Abdrücke der Hinterfüße”, erklärt Marty. „Die sind immer mit dem Hinterfuß auf den Eindruck des kleineren Vorderfußes getreten. Bei anderen Spuren lassen sich Hinter- und Vorderfuß gut unterscheiden.” Doch immer wieder ist der Vorderfuß halb überdeckt. Der Paläontologe führt es vor – auf allen Vieren: „Dies ist der rechte Hinterfuß, das der rechte Vorderfuß. Der Vorderfuß hebt ab, und kurz danach setzt der Hinterfuß an fast derselben Stelle auf.”
Die Forscher entdeckten auch die Spuren von acht bis zehn Saurier-Babys, eingerahmt von größeren Spuren auf beiden Seiten. „ Die jungen Sauropoden wurden wohl durch ältere Tiere beschützt”, spekuliert Marty – und widerspricht damit der alten Lehrmeinung, dass die Jungtiere auf sich allein gestellt waren. Ohne den Schutz der Eltern hätten sie hier keine Chance gehabt: Auf den Gezeitenflächen fehlte jegliche Deckung. Die neuen Fährtenfunde lassen vermuten: Die Dinosaurier sammelten sich in Herden ähnlich wie Elefanten heute. „Wir finden oft Spuren von Theropoden, die Sauropoden gefolgt sind”, berichtet Marty. Sie liefen in die gleiche Richtung und traten auf die Spuren ihrer potenziellen Beute. „Die Räuber verfolgten die Herden und warteten, bis ein schwaches Tier zurückfiel. Dann griffen sie an”, vermutet er.
Die AUTOBAHN WIRD ANGEHOBEN
So imposant die Fläche mit ihren über 2000 Spuren ist – sie wird bald verschwinden. Immerhin wurden die Pläne geändert: Die Autobahntrasse wird um 1,50 Meter gehoben, um die Fläche mit Sand und einem schützenden Geotextil unter dem Fundament zu sichern. Erst die Ausgräber einer fernen Zukunft werden die Spuren wieder zu Gesicht bekommen. „An anderen Stellen haben wir mehr Glück”, sagt Marty. Da werden Brücken verlängert, damit sich die Dinospuren weiter besichtigen lassen. Die Zusammenarbeit mit den Autobahnbauern und Ämtern sei sehr gut, betont Marty, zumal die Ausgrabungen nicht zu Verzögerungen der Bauarbeiten geführt hätten.
Die letzte Station: Ein Lager im nahegelegenen Porrentruy. Dort warten mit Glasfaser stabilisierte Dinosaurierspuren darauf, konserviert zu werden. Im Labor wird gerade ein Schildkrötenpanzer präpariert. „Wir haben auch ein Riff mit Austern und See- lilien ausgegraben”, sagt Marty und zeigt auf die vollen Regale, die sich durch die Industriehalle ziehen. „Es ist schon verrückt: Im Jahr 2000 haben wir mit drei, vier Leuten in einem winzigen Raum angefangen.” Vorerst werden die Funde gelagert – Material genug für Heerscharen von Wissenschaftlern. Doch noch ist offen, ob es je ein eigenes Museum geben wird. Der kleine Kanton Jura ist nicht sonderlich finanzkräftig. Die Ausgräber setzen große Hoffnungen in das kantonale Projekt „ Paléojura”, um „das wissenschaftliche, touristische und pädagogische Potenzial des paläontologischen Kulturguts” zu fördern. Dafür sollen die Fundstätten zugänglich gemacht werden, auch weitere Grabungen sind geplant. „Wenn wir Führungen anbieten, ist der Ansturm riesig”, sagt Marty. Zwar gäbe es an vielen Orten Dinosaurier-Parks: „Aber unserer hier ist ja der einzig legitime Jurassic Park.”
Doch fehlt dazu nicht ein richtiger Dinosaurierfund? Noch gibt es Hoffnung. Im kaum 30 Kilometer entfernten Moutier kam in der gleichen Schicht das Skelett eines Cetiosauriscus ans Licht. Es befindet sich heute im Naturhistorischen Museum Basel. „Unsere Ausgrabungen laufen ja noch bis Ende 2011″, sagt Daniel Marty und lacht. „Auf den letzten fünf Quadratmetern finden wir sicher noch unser prächtiges Saurierskelett.” ■
KAI MICHEL (links), Wissenschaftsjournalist in Zürich, läuft neuerdings aufmerksam über matschigen Boden. Vielleicht widersteht ja einer seiner Abdrücke dem Zahn der Zeit? Der preisgekrönte Fotograf patrick dumas aus Toulouse findet, die Dinosaurierspuren sind wie Polaroids der Natur vor 150 Millionen Jahren.
von Kai Michel (Text) und Patrick Dumas (Fotos)
Wie schnell die Dinos Rannten
Die Spuren von Dinosauriern lassen darauf schließen, wie rasch die Tiere unterwegs waren. Allerdings: Nur ihren Alltagstrott kann man gut abschätzen, ihre Höchstgeschwindigkeit nicht. „Es ist sehr unwahrscheinlich”, erklärt der Paläontologe Daniel Marty, „dass wir ausgerechnet die Fährte eines rennenden Tieres finden.”
Die Laufgeschwindigkeit lässt sich mithilfe einer empirischen Formel grob berechnen, die anhand heute lebender Tiere ermittelt wurde. Dafür muss man die Doppelschrittlänge messen – die Länge vom Aufsetzen eines Fußes bis zum nächsten Aufsetzen desselben Fußes. Die ebenfalls benötigte Hüfthöhe wird abgeschätzt.
Die Analysen beim Fundort Courtedoux ergaben: Die pflanzenfressenden Sauropoden legten meist einen bis sechs Kilometer pro Stunde zurück – das entspricht langsamem Bummeln bis zügigem Gehen. „Wir haben in Ausnahmefällen eine maximale Geschwindigkeit von Tempo 11 berechnet”, sagt Marty. „Bei den fleischfressenden Theropoden war es schon mal Tempo 30.”
Britische Forscher haben bereits 2007 herausgefunden, dass der truthahngroße Compsognathus aus dem Erdzeitalter des Oberjura der wohl schnellste Renner unter den Urzeitechsen war. Er soll 64 Stundenkilometer geschafft haben.
KOMPAKT
· Paläontologen haben im Schweizer Jura über 10 000 Dinosaurierspuren entdeckt.
· Aus ihnen können sie Rückschlüsse auf Bestandsgrößen und Verhalten ziehen.
· Vor 150 Millionen Jahren sah es in der Region so aus wie heute auf den Bahamas – es gab zahlreiche Inseln und Lagunen.
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INTERNET
Das Projekt „Paléojura” bringt Touristen die wissenschaftlichen Erkenntnisse vor Ort näher: www.paleojura.ch
Schneise durchs Jura-Gebirge
Der neue Autobahnabschnitt A16, die „Transjurane”, wird bald durch das Jura-Gebirge bis an die französische Grenze führen – und die sensationellen Funde unter sich begraben.





