Um diese Frage zu klären, haben Gómez und seine Kollegen erstmals systematisch das Ausmaß der Aggression und der innerartlichen Gewalt bei 1.024 Säugetierarten aus 137 verschiedenen Familien und 50.000 Jahren Stammesgeschichte untersucht. Diese biologische Manifestation verglichen sie mit den Fällen von Mord und Totschlag in 600 verschiedenen menschlichen Populationen – von der Steinzeit bis in die Gegenwart. Für Tier und Mensch kalkulierten die Forscher das Ausmaß der Aggression jeweils als Anteil der Todesfälle durch innerartliche Gewalt – insgesamt werteten sie dafür vier Millionen fossile und rezente Todesfälle aus.
Primaten sind am aggressivsten
Die Auswertung ergab: Betrachtet man alle Säugetiere zusammen, dann liegt der Durchschnitt der Todesfälle durch innerartliche Gewalt bei rund 0,3 Prozent. Die Zuordnung der “Gewalttäter” reicht dabei quer durch alle Säugetierfamilien, wie die Forscher berichten. “Dies spricht dafür, dass tödliche Gewalt, obwohl selten, unter den Säugetieren weit verbreitet ist”, sagen Gómez und seine Kollegen. Dennoch gibt es klare Unterschiede: “Während tödliche Aggression in Gruppen wie den Walen, Fledermäusen und Hasenartigen selten ist, kommt es in anderen häufiger vor, wie beispielsweise den Primaten.” Die Neigung zur Gewalt häuft sich dabei in bestimmten Verwandtschaftsgruppen, wie die Forscher feststellten. Im Laufe der Stammesentwicklung der Säugetiere hat demnach die Rate der Todesfälle durch Gewalt nahezu kontinuierlich zugenommen, je näher die Evolution den Primaten kommt. Beim gemeinsamen Vorfahren von Nagetieren, Hasen und Primaten lag die Aggressionsrate schon bei 1,1 Prozent, bei den gemeinsamen Vorfahren von Primaten und Spitzhörnchen sogar bei 2,3 Prozent, wie die Wissenschaftler ermittelten.
Allerdings: Lebensweise, Umwelt und Gene haben sich selbst bei dieser evolutionär ererbten Gewaltneigung wahrscheinlich gegenseitig bedingt, wie die Forscher betonen. So stellten sie fest, dass die Tierarten, die sozial und territorial leben, von Natur aus ein höheres Aggressionspotenzial besitzen als Einzelgänger und nichtterritoriale Arten. Im Laufe der Evolution haben demnach Gene und Lebensweise gemeinsam dafür gesorgt, dass einige Säugetiere gewaltbereiter gegenüber ihren Artgenossen sind als andere.
Steiler Anstieg mit dem Stammesfürstentum
Wie aber sieht es mit dem Menschen aus? Auch für uns ermittelten die Forscher ein deutliches phylogenetisches Erbe: Am Ursprung der Menschheit lag das Ausmaß der innerartlichen Gewalt demnach bereits bei zwei Prozent – also etwa auf dem Wert, der allein aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den Primaten zu erwarten wäre. “Das bedeutet, dass der Mensch seine Neigung zur Gewalt stammesgeschichtlich geerbt hat”, konstatieren Gómez und seine Kollegen. “Er verdankt dies seiner Position in einem besonders gewaltbereiten Ast des Säugetierstammbaums.” Gleichzeitig aber sei auch die menschliche Aggression keine reine Veranlagungssache: “Das Sozialverhalten und die Territorialität, die wir mit unseren nächsten Verwandten teilen, haben ebenfalls dazu beigetragen”, betonen die Forscher. Dennoch waren unsere steinzeitlichen Vorfahren demnach noch kaum aggressiver als die Menschenaffen.





