Mord und Totschlag gibt es bei uns Menschen schon seit der Vorgeschichte. Schon unter Neandertalern gab es tödliche Fehden und sogar Massaker – und auch der Homo sapiens stand seinem eiszeitlichen Vetter dabei nicht nach, wie Fossilfunde zeigen. Doch woher stammt dieser menschliche Hang zu Aggression und Gewalt? Über diese Frage diskutieren Soziologen, Verhaltensforscher und Philosophen bereits seit Jahrhunderten. Während die einen in der Gewalt ein vorwiegend kulturelles Phänomen sehen, führen andere Beispiele für innerartliche Aggression im Tierreich als Beleg für ein stammesgeschichtliches Erbe an. Tatsächlich ist Gewalt keine menschliche Domäne: “Bei vielen Primaten sind Aggression zwischen Gruppen und Kindesmord häufig”, erklären José Maria Gómez von der Universität von Granada und seine Kollegen. “Selbst scheinbar friedfertige Säugetiere wie Hamster und Pferde töten manchmal Individuen ihrer eigenen Art.” Und von Löwen und anderen in Rudeln lebenden Raubtieren weiß man, dass neue Alphatiere häufig den Nachwuchs ihrer Vorgänger töten. Ist unsere eigene Neigung zur Gewalt demnach nur eine Folge des Säugetiers in uns?
Um diese Frage zu klären, haben Gómez und seine Kollegen erstmals systematisch das Ausmaß der Aggression und der innerartlichen Gewalt bei 1.024 Säugetierarten aus 137 verschiedenen Familien und 50.000 Jahren Stammesgeschichte untersucht. Diese biologische Manifestation verglichen sie mit den Fällen von Mord und Totschlag in 600 verschiedenen menschlichen Populationen – von der Steinzeit bis in die Gegenwart. Für Tier und Mensch kalkulierten die Forscher das Ausmaß der Aggression jeweils als Anteil der Todesfälle durch innerartliche Gewalt – insgesamt werteten sie dafür vier Millionen fossile und rezente Todesfälle aus.
Primaten sind am aggressivsten
Die Auswertung ergab: Betrachtet man alle Säugetiere zusammen, dann liegt der Durchschnitt der Todesfälle durch innerartliche Gewalt bei rund 0,3 Prozent. Die Zuordnung der “Gewalttäter” reicht dabei quer durch alle Säugetierfamilien, wie die Forscher berichten. “Dies spricht dafür, dass tödliche Gewalt, obwohl selten, unter den Säugetieren weit verbreitet ist”, sagen Gómez und seine Kollegen. Dennoch gibt es klare Unterschiede: “Während tödliche Aggression in Gruppen wie den Walen, Fledermäusen und Hasenartigen selten ist, kommt es in anderen häufiger vor, wie beispielsweise den Primaten.” Die Neigung zur Gewalt häuft sich dabei in bestimmten Verwandtschaftsgruppen, wie die Forscher feststellten. Im Laufe der Stammesentwicklung der Säugetiere hat demnach die Rate der Todesfälle durch Gewalt nahezu kontinuierlich zugenommen, je näher die Evolution den Primaten kommt. Beim gemeinsamen Vorfahren von Nagetieren, Hasen und Primaten lag die Aggressionsrate schon bei 1,1 Prozent, bei den gemeinsamen Vorfahren von Primaten und Spitzhörnchen sogar bei 2,3 Prozent, wie die Wissenschaftler ermittelten.





