Timothy Brown ist der erste und bisher einzige HIV-Infizierte, der durch eine Therapie wieder völlig gesund wurde.
Gero Hütter, randlose Brille, dunkler Bürstenschnitt, grauer Wollpulli unter dem Arztkittel, wirkt bescheiden, wie er so dasitzt und freundlich Fragen beantwortet. Dabei ist der Mediziner in Fachkreisen weltberühmt, genauso wie sein bekanntester Patient. Aber er war kein renommierter Spezialist, sondern ein Assistenzarzt an der Charité in Berlin, als ihm das gelang, was niemand für möglich gehalten hätte: die Heilung eines HIV-Infizierten. Im November 2008 gingen Hütter und sein Chef von der hämatologisch-onkologischen Klinik am Campus Benjamin Franklin mit der sensationellen Meldung an die Öffentlichkeit.
Fortan hieß der zunächst anonyme Patient überall nur noch „der Berliner Patient” – später gab er auch seinen Namen preis: Timothy Ray Brown, ein damals in Berlin lebender US-Amerikaner. Eigentlich ist seine Heilung eine Geschichte von Zufällen, jeder Menge Glück und eines Arztes, der um die Ecke dachte.
Schicksalhafte Begegnung
Das erste Mal begegneten sich die beiden im Herbst 2006. Brown suchte das Klinikum wegen einer Blutkrebserkrankung auf, die mit seiner zehn Jahre zuvor diagnostizierten HIV-Infektion vermutlich nichts zu tun hatte. Nach einer fehlgeschlagenen Chemotherapie war schnell klar, dass dem damals 40-Jährigen nur noch eine Transplantation mit Blutstammzellen helfen konnte. Und da kam der zweite Zufall ins Spiel: Hütter erinnerte sich an einen Fachartikel aus dem Jahr 1996, den er während seiner Studentenzeit gelesen hatte. Darin hatten US-Forscher von einem Defekt im CCR5-Gen berichtet, der auf natürliche Weise vor einer Ansteckung mit HIV schützt.
CCR5 ist ein Oberflächenmolekül auf T-Helferzellen und anderen Abwehrzellen des menschlichen Immunsystems, die das Virus nach dem Andocken als Tor in die Zelle nutzt. Etwa einer unter 100 Menschen europäischer Abstammung hat von beiden Elternteilen ein verkürztes CCR5-Gen geerbt. Den Zellen fehlt dann der HIV-Corezeptor CCR5, was bis auf eine höhere Anfälligkeit für das West-Nil-Virus – das ein gefährliches Fieber auslösen kann – keine Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen hat. „Diese natürliche Immunität hat mich damals über alle Maßen beeindruckt” , sagt Hütter.
Dass CCR5 ein Schlüssel zur Heilung von HIV sein könnte, vermutete er schon damals, verfolgte es aber nicht weiter – bis Brown kam. Da hatte der junge Hämatologe eine Idee: Warum sollte er für diesen Patienten nicht einen der wenigen immunen Stammzellspender zu finden versuchen und so mit einem Schlag die Leukämie und vielleicht auch HIV beseitigen? Es war einen Versuch wert.
Das Glück war auf Hütters und vor allem auf Browns Seite: Der in Seattle geborene US-Amerikaner hat ein relativ häufiges Gewebemuster, sodass allein in der größten deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS 80 passende Spender registriert waren. „Als wir das erfahren hatten, gab es kein Halten mehr”, erinnert sich Hütter. Beim 61. Spender wurden Hütter und seine Kollegen fündig: Beide CCR5-Genkopien waren defekt.
Im Februar 2007 transplantierten die Charité-Ärzte Brown etwa 150 Millionen Blutstammzellen des immunen Spenders. Aus solchen Stammzellen gehen alle Blut- und Immunzellen des Menschen hervor. Zuvor hatte eine Chemo- und Strahlentherapie Browns entartete Knochenmarkszellen zerstört, um Platz für die Einnistung der transplantierten Zellen zu schaffen. Gleichzeitig wurde das verbliebene Immunsystem medikamentös unterdrückt, damit es die Spenderzellen nicht abstieß.
Bereits nach zwei Monaten hatte das neue Immunsystem des Spenders Browns altes ersetzt und die Zahl der T-Helferzellen – spezifischer Immunzellen, die HIV bevorzugt befällt – hatte zugenommen. Im Serum und im Darmgewebe, wo sich normalerweise besonders viele HIV-Zielzellen tummeln, konnten die Ärzte kein HIV mehr nachweisen. Weil die Transplantation den Blutkrebs nicht komplett besiegt hatte, erhielt Brown ein Jahr später erneut Blutstammzellen desselben Spenders.
Überraschender Erfolg
Und dieses Mal klappte es: Bis heute zeigt der inzwischen in San Francisco lebende Brown keine Anzeichen von Blutkrebs. Und auch HIV macht sich nicht mehr in seinem Körper breit, obwohl er bereits seit der ersten Transplantation keine Medikamente mehr einnimmt, um die Virusvermehrung zu unterdrücken.
Natürlich hatte Hütter gehofft, Brown mit der Stammzelltransplantation auch von seiner HIV-Infektion zu heilen. Dass das so gut gelang, überraschte ihn aber doch: „Ich habe mir nicht viele Chancen ausgerechnet, dass es funktioniert”, sagt der Krebsmediziner im Rückblick. Denn es bestand die Gefahr, dass das Virus sein Hüllprotein verändert, mit dem es an die Zielzelle andockt, und dann ein weiteres Oberflächenmolekül der Zielzelle, den CXCR4- Co-Rezeptor, als Helfershelfer in die Zelle nutzt.
Vor der Transplantation verwendeten bereits drei Prozent von Browns HIV- Varianten CXCR4 als Co-Rezeptor. Warum sich die Viren nicht mithilfe des alternativen Rezeptors in Browns Körper ausbreiteten, nachdem das bevorzugte CCR5 auf den vom Spender stammenden Zellen fehlte, kann sich Hütter nicht erklären. Vermutlich waren die CXCR4- nutzenden HIV-Varianten durch Chemo- und Strahlentherapie im Vorfeld der Transplantation schon so stark dezimiert worden, dass sie nicht mehr überhandnehmen konnten. Zwischen der Entdeckung der natürlichen HIV-Resistenz und Hütters erfolgreichem Transplantationsversuch liegen mehr als zehn Jahre. Ist denn vorher niemand auf einen solchen Gedanken gekommen? Doch, sagt Hütter: „In den USA gab es Ärzte, die eine Brücke zwischen den damals noch strikt getrennten Fachgebieten Hämatologie und Infektiologie geschlagen haben.” Doch es bestand ein logistisches Problem: Anders als in Deutschland sind die Spenderregister in den USA zersplittert.
Medikamente schaden Gentherapie
Deshalb machte ein privates US-Unternehmen den Vorstoß, Nabelschnurblut einzulagern und auf die CCR5-Mutation zu testen. Das Blut hätte dann unverzüglich für die Stammzellisolierung zur Verfügung gestanden. Bis 2008 umfasste die Datenbank gerade mal 10 000 Einheiten Nabelschnurblut – gegenüber Millionen registrierten Stammzellspendern weltweit.
Auch die Idee, das CCR5-Gen mittels einer molekularen Gen-Schere, einer sogenannten Zinkfingernuklease, künstlich auszuschalten, kam damals auf. Aber niemand wollte entsprechende Projekte finanzieren. „Die Gentherapie-Forschung hat darunter gelitten, dass mit der Einführung der hochwirksa- men HIV-Kombi-Therapie finanziell die Hände in den Schoß gelegt wurden”, sagt Gero Hütter. Die langfristigen Nebenwirkungen der medikamentösen Behandlung seien dabei unterschätzt worden.
Der Fall des „Berliner Patienten” schlug ein wie eine Bombe: Eine Heilung schien erstmals möglich. 2009 unterzogen Ärzteteams in den USA die ersten HIV-Patienten einer Gentherapie, indem sie das CCR5-Gen in deren T-Helferzellen zerschnitten. Doch ist Timothy Brown, der inzwischen in San Francisco lebt, wirklich von HIV geheilt?
Im Juni 2012 berichteten seine neuen Ärzte von HIV-Fragmentspuren in Blut und Darmgewebe. Der bekannte französische Aids-Experte Alain Lafeuillade heizte die Debatte an, indem er behauptete, Brown sei entweder nicht geheilt oder erneut infiziert worden. Hütter betont jedoch, dass das in einigen, jedoch nicht allen Laboren gefundene Virus im Blut nicht mit dem Virus übereinstimmt, dass sie in Berlin bei Brown nachgewiesen hatten. Oliver Keppler, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Retroviren in Frankfurt am Main, geht von einer Kontamination aus, die durch das hochsensitive Nachweisverfahren detektiert wurde. Für diesen Verdacht spricht, dass das gefundene Virus einem häufig im Labor verwendeten HIV-Stamm gleicht.
Die extrem niedrigen Mengen an HIV-Erbgut im Darmgewebe deuten zwar auf ein mögliches Reservoir noch infizierter Zellen hin. Doch wegen des fehlenden CCR5-Co-Rezeptors können die Spenderzellen nicht infiziert werden. Keppler hält Brown nach wie vor für geheilt: „Er braucht keine antiretrovirale Therapie mehr. Sollte das nicht reichen?”
Völlige Beseitigung unmöglich
Der Infektiologe Jan van Lunzen glaubt nicht, dass HIV jemals vollständig aus dem Körper eliminiert werden kann. Das sei auch nicht nötig: „Wir alle tragen viele Viren, zum Beispiel Masern- oder Windpocken-Viren, mit uns herum und sind trotzdem gesund.” Ohnehin dürfte es schwierig sein, eine vollständige HIV-Elimination zu beweisen. Das Virus hält sich auch an schwer zugänglichen Körperstellen wie im Gehirn auf. „Wir stoßen an Grenzen, weil wir aus ethischen Gründen nicht überall Gewebeproben für die Untersuchung entnehmen können”, sagt Keppler.
Auch wenn Browns spektakuläre Heilung die kühnsten Hoffnungen der HIV-Forscher hat wahr werden lassen – eine Stammzelltransplantation wird auf diejenigen HIV-Infizierten beschränkt bleiben, die sonst sterben würden. „Aus ethischen Gründen würde man bei Patienten, die mit Medikamenten gut behandelbar sind, keine Transplantation vornehmen”, sagt van Lunzen. Denn das Verfahren ist sehr riskant: Ein Drittel der Patienten stirbt nach einer Stammzelltransplantation.
Selbst Brown hat die Heilung mit einer Reihe von therapiebedingten Komplikationen bezahlen müssen: Er hatte anfangs häufig Infektionen, konnte kaum noch Treppen auf und ab steigen, weil seine Beine zeitweise gelähmt waren und seine Koordination nicht mehr richtig funktionierte. Sein Kurzzeitgedächtnis hatte Aussetzer und wegen einer Netzhautblutung kann er bis heute nur schlecht lesen. Die Symptome haben sich vermindert, ganz verschwunden sind sie nicht. „Bei Brown war lange Zeit nicht klar, wie die Reise enden wird”, sagt Hütter.
Ein DogMa durchbrochen
Sie endete mit einem doppelten Sieg gegen HIV und Blutkrebs. Und wie fühlt es sich an, als der Mann, der HIV geheilt hat, in die Medizingeschichte einzugehen? „Von der medizinischen Seite ist es das Schönste, was einem passieren kann, ein Dogma wie das der Unheilbarkeit von HIV zu durchbrechen”, sagt Hütter, der inzwischen in der Sächsischen Schweiz Klinik Sebnitz tätig ist. Als belastend empfindet er es, täglich von HIV-Patienten angeschrieben zu werden, die ihn um eine Stammzelltransplantation anflehen. Für sie gibt es wenigstens einen Hoffnungsschimmer: Weltweit arbeiten Forscher auf Hochtouren an einer HIV-Heilung, die sich auf alle Infizierten anwenden lässt und nicht nur auf HIV- positive Blutkrebspatienten. ■
Helmine Braitmaier ließ für einen bdw-Artikel (9/2012) ihre Gene untersuchen – auf HIV-Immunität wurde dabei allerdings nicht getestet.
von Helmine Braitmaier
Ohne Titel
Name: Humanes Immundefizienzvirus (HIV)
Familie: Retroviren
Stämme: Zwei, unterteilt in weitere Untergruppen und Subtypen. HIV-1 ist weltweit verbreitet. HIV-2 ist hauptsächlich auf Westafrika beschränkt, vereinzelt kommt es auch in anderen Ländern vor, zum Beispiel in Indien.
Übertragung: Blut, Sperma, Scheidenflüssigkeit, Muttermilch, intensiver Schleimhautkontakt bei Anal- und Vaginalverkehr
Endstadium: Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome, erworbenes Immunschwäche-Syndrom), ein Zusammenbruch der Immunabwehr. Oft entstehen Tumore und schwere Infektionskrankheiten, ausgelöst durch sonst harmlose Mikroorganismen.
Kompakt
· Mit Blutstammzellen eines HIV- resistenten Spenders ist es Ärzten gelungen, gleichzeitig HIV und Blutkrebs zu besiegen.
· Für eine allgemeine Anwendung ist das Sterberisiko nach einer Transplantation zu hoch.





