Neuentdeckungen selbst bei den “Großen”
Diese Vielfalt spiegelt auch die diesjährige Top Ten wider. Und sie zeigt auch noch etwas anderes: “Eine Säugetierart und ein Baum zeigen, dass die noch auf ihre Entdeckung wartenden Arten keineswegs alle mikroskopisch klein sind”, erklärt Antonio Valdecasas vom Museo Nacional de Ciencias Naturales in Madrid. Selbst große, scheinbar kaum zu übersehende Arten wurden erst im letzten Jahr entdeckt. Eines davon ist der Olinguito (Bassaricyon neblina), ein fleischfressender Säuger, der im Nebelwald Kolumbiens und Ecuadors lebt. Der baumbewohnende Kleinbär wiegt etwa zwei Kilogramm und ist die erste neuentdeckte Säugetierart der letzten 35 Jahre. Ebenfalls eigentlich zu groß, um übersehen zu werden ist der Kawesak-Drachenbaum (Dracaena kaweesakii). Er wird immerhin rund zwölf Meter hoch und trägt weiß umsäumte Blätter und cremefarbene Blüten mit leuchtend orangefarbenen Streifen. Entdeckt wurde er in den Kalksteinbergen an der Grenze zwischen Thailand und Burma.
Ziemlich hart im Nehmen ist die Nummer drei der Liste: Eine Seeanemone, die ein Tauchroboter an der Unterseite des Ross-Eisschelfs in der Antarktis entdeckte. Der größte Teil der nur 2,5 Zentimeter kleinen Anemone ist im Eis verborgen, nur ihre rund zwei Dutzend Tentakel baumeln in der eiskalte Wasser hinab. Wie Edwardsiella andrillae es schafft, die extremen Bedingungen in diesem Lebensraum zu überstehen, ist bisher selbst den Forschern unklar. Ähnlich extrem ist das Habitat einer weiteren Neuentdeckung: einer Mikrobe, die ausgerechnet in den Reinräumen der Weltraumagenturen NASA und ESA gedeiht. Diese Labore werden ständig mit härtesten Mitteln desinfiziert und sind durch Schleusen geschützt, um eine Kontamination der Raumsonden-Bauteile und Sensoren zu verhindern. Doch Tersicoccus phoenicis scheint dies nichts anhaben zu können. Forscher stießen sowohl in einem Labor in Florida als auch in Französisch Guyana auf den hartgesottenen Keim.
Tarngecko, Geistergarnele und Riesen-Einzeller
Drei weitere Top Ten-Entdeckungen sind in Bezug auf ihre Auffälligkeit ziemliche Gegensätze: Der Gecko Saltuarius eximius setzt auf Tarnung: Sein gesamter Körper trägt Tarnflecken und der verbreiterte, flache Schwanz macht es schwer, Vorder- und Hinterende auseinander zu halten. Das nutzt der Gecko auch aus, wenn er auf Beute lauert: Bewegungslos kauert er dann auf den flechtenbewachsenen Felsen seines Habitats, der Melville Range in Ost-Australien. “Er hat dabei eine verstörende Ähnlichkeit mit einem Fantasiemonster”, sagt Valdecasas. Nicht nur auf Tarnung, sondern gleich ganz auf Durchsichtigkeit setzt die Geistergarnele Liropus minusculus. Dieser nur rund drei Millimeter kleine Krebs wirkt zwar fragil, trägt aber lange Fangarme, die von seiner räuberischen Gesinnung zeugen. Ziemlich farbig ist dagegen der in Tunesien entdeckte Bodenpilz Penicillium vanoranjei: Seine Kolonien leuchten in auffallendem Orange – weshalb er nach dem Haus von Oranje benannt wurde. Als weitere Besonderheit sondert der Schimmelpilz eine deckenartige Hüllsubstanz ab, die ihn vor dem Austrocknen schützt.





