Was der Mensch von seiner frühesten Kindheit erinnert, wie er es erinnert und bis zu welchem Lebensjahr er sich bewusst zurückerinnern kann, hängt offenbar von der Kultur ab, in der er aufwächst. Eine chinesische Psychologin, die seit sechs Jahren an der Cornell University forscht, hat in mehreren Untersuchungen die Kulturabhängigkeit von Kindheitserinnerungen belegt. Ihre jüngste Studie ist im “Journal of Personality and Social Psychology” erschienen.
Qi Wang, Assistenzprofessorin für Entwicklungspsychologie an der Cornell University bat 119 Amerikaner und 137 in China aufgewachsene Chinesen, ihre frühesten Kindheitserinnerungen zu beschreiben. “Amerikaner berichten von spezifischen, gefühlsmäßig gewissermaßen schon ausgearbeiteten Erinnerungen, die um das Selbst als den zentralen Charakter kreisen”, erläutert Wang. “Chinesen dagegen tendieren dazu, kurze Ansätze von allgemeinen Routine-Ereignissen zu präsentieren, die sich auf kollektive Aktivitäten konzentrieren und emotional oft neutral sind.” Außerdem stellte die Forscherin fest, dass die Erinnerungen der Amerikaner durchschnittlich bis zum Alter von dreieinhalb Jahren zurückreichen, die der Chinesen jedoch durchschnittlich frühestens im Alter von vier Jahren beginnen.
In einer früheren Studie, die in der Zeitschrift “Memory” (Vol. 8, 2000) erschienen ist, baten Wang und zwei Kollegen von der Harvard University 41 amerikanische und chinesische Mütter, mit ihren dreijährigen Kindern über gemeinsame Erlebnisse der jüngsten Vergangenheit zu reden. Dabei zeigte sich, dass die amerikanischen Mütter auf die Meinungen, Rollen und Gefühle ihrer Kinder intensiv eingingen, während die chinesischen Mütter bei ihren Kindern eher die Fakten abfragten. Dabei legten sie auch großen Wert darauf, dass die Kinder die Ereignisse vom allgemein anerkannten moralischen Standpunkt her richtig einordneten.
In einer weiteren Studie mit 24 amerikanischen und 26 chinesischen sechsjährigen Kindern, die Geschichten erzählen sollten, zeigte sich, dass die amerikanischen Kinder Realität und Fiktion wild miteinander vermischten. Die chinesischen Kinder achteten bei ihren Geschichten eher darauf, dass alles korrekt war und die Moral der Geschichte stimmte. (“Child Development”, Sept. / Okt. 2000, Vol. 7).
“Diese Ergebnisse zeigen, dass die frühen soziolinguistischen Erfahrungen der Kinder ihre autobiografischen Erinnerungen prägen und zu kulturellen Unterschieden im Inhalt der Kindheitserinnerungen beitragen können”, erklärt Wang.
Doris Marszk





