„RINDERWAHNSINN in Deutschland” – so oder ähnlich lauteten landesweit die Schlagzeilen am 24. November 2000. Bei zwei Kühen aus Schleswig-Holstein war erstmals hierzulande die Krankheit BSE ausgebrochen. Angesichts der symptomlosen Inkubationszeit vor dem ersten Auftreten von Gliederzittern, Taumeln und Stürzen war Deutschland also offensichtlich – entgegen allen Beteuerungen von Politikern – schon lange nicht mehr „BSE-frei”. Sofort war die Hölle los. Der Rindfleischkonsum sackte in den Keller, viele Metzger sattelten händeringend um auf Pute und Schwein, die Politik verkündete „entschlossenes Handeln”, „lückenlose” Kontrollen, „totale” Verbote. In Berlin gingen gleich zwei Minister, dafür kam ein Verbraucherministerium.
Grundlos war die Aufregung nicht. Seit 1995 hatte Großbritannien immer mehr Opfer einer neuartigen Variante der tödlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, vCJD, gemeldet. Und längst deutete alles auf den Verzehr von BSE-infizierten Rindern als Haupt-Ansteckungsquelle. 20 000 bis weit über 100 000 vCJD-Todesfälle prognostizierten die Epidemiologen Anfang 2001 allein für Großbritannien. Da schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der erste Todesfall auch in Deutschland auftreten würde.
Und heute? Fünf Jahre nach diesem Schock ist von Panik keine Spur mehr. „Das Thema ist weg”, bestätigt Armin Giese vom Zentrum für Neuropathologie und Prionforschung der Universität München. Mitunter muss er sich sogar dafür belächeln lassen, dass die Wissenschaftler da reichlich viel Wind gemacht hätten. Das allerdings sieht der Prionenforscher anders: „Die Menschheit ist knapp an der Katastrophe vorbei geschrammt, gerade weil aufgrund der Warnungen die Gegenmaßnahmen doch noch gegriffen haben.” So gibt es heute zum Glück Anlass zu vorsichtiger Entwarnung.
Weltweit liegt die Zahl der vCJD-Toten bei 180, davon 152 in Großbritannien (Stand November 2005). In Deutschland gibt es bislang keinen einzigen. Anfang 2005 schätzten Wissenschaftler am Imperial College London, dass vermutlich in den nächsten Jahren in Großbritannien weitere 70 vCJD-Tote hinzukommen werden – im allerschlimmsten Fall bis zu 600. Giese: „Die große vCJD-Welle wird mit jedem Jahr ohne Anstieg unwahrscheinlicher.”
Auch BSE scheint auf dem Rückzug, die Zahl der registrierten kranken Tiere sinkt. Fast alle europäischen Länder, Japan, Kanada und die USA berichten aber nach wie vor von neuen Erkrankungen. In Deutschland haben die Veterinäre von Anfang 2001 bis Ende Oktober 2005 insgesamt 384 Tiere positiv auf BSE getestet.
Im April 2005 wurde die Krankheit hierzulande erstmals bei einem Rind entdeckt, das im Mai 2001 – also nach dem Inkrafttreten des Verfütterungsverbots von Tiermehl und tierischen Fetten – geboren worden war. Erst Anfang 2001 war das Verbot in der Europäischen Union verhängt worden, um den vermuteten Haupt-Ansteckungsweg der Krankheit zu blockieren. Die Behörden bewerten dies als Hinweis, dass nach dem Verbot weiter kontaminiertes Tiermehl und Tierfett in Umlauf war. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass es sich um einen natürlichen, „sporadischen” Fall von BSE handelt. Manche Forscher nehmen schon länger an, dass es so etwas gibt (bild der wissenschaft 5/2001, „ Verhängnisvolle Trugschlüsse”).
Den Verbraucher schützt heute am ehesten, dass in der Europäischen Union seit Oktober 2000 bei Rind, Schaf und Ziege alle Risikoorgane – Schädel mit Gehirn und Augen, Mandeln, Wirbelsäule, Rückenmark und Darm – grundsätzlich entfernt werden sollen. Giese: „Inzwischen lasse ich meine Kinder sogar wieder Hamburger essen.” Bernhard Epping ■





