Bei Wasserleichen bleiben die Todesumstände oft ungeklärt. Die Kanadierin Gail Anderson beobachtet die Zersetzung von toten Schweinen im Meer – und zieht daraus Schlüsse für den Menschen.
Wohl der bizarrste Fall der kanadischen Polizeigeschichte: Im Juni 2008 spülte der Pazifik südlich von Vancouver, auf Westham Island, den linken Fuß eines Menschen an Land – bereits den Fünften. Seit August 2007 waren auf verschiedenen Inseln zwischen Vancouver und Vancouver Island vier rechte Füße aufgetaucht. Alle steckten in Sportschuhen. Spekulationen machten die Runde, es könne sich um Opfer eines Massenmörders oder gar um rituelle Opfer handeln. Die Polizei tappte völlig im Dunkeln.
In Kanada, dem Land mit der längsten Küstenlinie der Welt, verschwinden Vermisste nicht selten im Meer: Menschen, die den Freitod wählen, die vom Baden, Segeln oder Tauchen nicht zurückkehren oder derer sich ihr Mörder in den Wogen entledigt hat. Familie und Freunde können die Ungewissheit kaum ertragen – die selbst dann bleibt, wenn die See die Toten zurückgibt. Denn Wasserleichen stellen der Forensik immer noch Rätsel. Selbst modernste Analysemethoden helfen nicht zu klären, ob Verletzungen von einem Täter stammen oder erst unter Wasser entstanden sind. Es fehlt der kontrollierte Vergleich.
Schon an Land ist schwer zu bestimmen, wann ein Mensch gestorben ist – vor allem, wenn sein Körper lange im Freien lag. Dennoch: „Wenn jemand in der Badewanne ertrinkt und später in einen Baum gehängt wird, und das womöglich 100 Kilometer entfernt, finde ich trotzdem heraus, wann er gestorben ist”, sagt die Forensikerin Gail Anderson von der Simon Fraser University in Burnaby bei Vancouver. Die Methoden an Land sind aber für das Wasser nutzlos, denn ständig wechseln die Bedingungen wie Umgebungstemperatur, Druck, Strömung und Salzgehalt. Auch das Meeresgetier ist überall anders. Wunden und andere Spuren am Körper sind kaum zuzuordnen: Sie können von Menschenhand stammen oder durch Turbulenzen unter Wasser entstanden sein. Der Sterbezeitpunkt ist bereits kurz nach dem Tod unsicher.
Eine wichtige Station auf dem Weg zum Täter liegt neuerdings vor der Küste Britisch-Kolumbiens: „Venus” (Victoria Experimental Network Under the Sea), das modernste Unterwasser-Observatorium der Welt. Seit zweieinhalb Jahren versorgt die Forschungsplattform der University of Victoria Meeresforscher und Geologen mit Daten aus dem Saanich Inlet, einem schmalen Meeresarm drei Kilometer südöstlich von Vancouver Island. Sekündlich messen über 30 Sensoren Temperatur, Salzgehalt und Wasserdruck. Die Daten landen via Kabel in Echtzeit auf Rechnern an Land.
DER STILLE HELFER WIRD ABGENAGT
Gail Anderson interessiert vor allem die Unterwasserkamera: Vor deren Linsenaugen in etwa 90 Meter Tiefe liegt ein totes Schwein – ein stiller Helfer der Rechtsmedizin. Ein Unterwasserroboter hat die Tierleiche dort abgelegt, beschwert mit etwa 50 Pfund Gewichten. Riesenseesterne stülpen ihren Schlund über das Tier, unzählige Krebse und vereinzelte Fische nagen an seinem Fleisch. Genau 21 Tage nach seinem Versenken wird das letzte bisschen Gewebe des Schweins verschwunden sein. Nur seine Knochen ragen zum Schluss noch aus dem Sand. Doch auch sie werden aufgelöst, das Salzwasser wird sie demineralisieren. Zweimal täglich sitzt die Forensikerin am Laptop und verfolgt jeweils 20 bis 60 gebuchte Kameraminuten lang, wie sich die Meereslebewesen an der Tierleiche laben. „Manche spielen richtig mit ihr”, sagt sie, zoomt auf die Krabben und schaut ihnen beim „ Schweinebeinschaukeln” zu.
Vor sieben Jahren hat Anderson mit den Versuchen an Schweinen begonnen. Deren Haut ähnelt der menschlichen, ebenso die Organe und das Fleisch. Je sechs Tiere überließ Gail Anderson im Frühjahr und Herbst 2000 den Gewässern nordwestlich von Vancouver. Ein- bis zweimal pro Woche fotografierten Taucher die Leichen in 7 und 15 Metern Tiefe – zu selten, um herauszufinden, was genau die Veränderungen der Körper verursachte. Doch: „ Taucher und Schiffe sind teuer. Mehr war nicht drin”, bedauert die Forensikerin.
VERDACHT AUF MORD
Sie hielt Vorträge, wollte die Öffentlichkeit für ihre Forschung gewinnen. Eine Zufallshörerin war Verena Tunnicliffe, die geistige Mutter und Projektdirektorin von „Venus”. Sie schlug Anderson eine Zusammenarbeit vor. Heute liefert ihr Venus täglich neue Erkenntnisse. Anderson kann nun bestimmte Wundmuster ozeanischen oder menschlichen Verursachern zuordnen. „Alle Versuche haben gezeigt, dass Meerestiere am hinteren Körperende zu fressen anfangen”, erklärt Anderson. Wie die Insektenmaden an Land wühlen sie sich unter die Haut – wohl, um nicht von den eigenen Fraßfeinden entdeckt zu werden. „Der Kopf ist jedes Mal bis zuletzt unberührt.” Erstaunlicherweise bleibt selbst die Schusswunde auf der Schweinestirn zunächst unangetastet – ganz anders als an Land: Offene Wunden werden dort als Erstes besiedelt. Ist also das Gesicht eines Toten aus dem Meer verletzt und der Rest seines Körpers unversehrt, schließt Anderson eher auf Mord. Dank der Experimente kennt sie heute auch die Bedeutung des Untergrunds: „Im Sand kommen die Krabben rasch, weil sie hier leben. Nach drei Wochen ist das Schwein weg. Auf Felsen dauert es deutlich länger.”
Was Anderson fasziniert und die Polizei zur Aufklärung braucht, mag manch einem makaber oder eklig vorkommen, vielleicht sogar ethisch bedenklich. Einmal wurde Anderson sogar vorgeworfen, sie ertränke ihre Versuchstiere. „Das ist falsch. Alle Tiere kommen vom Schlachter, wurden betäubt, erschossen, und gehen erst danach über Bord”, betont Anderson. Laut kanadischem Recht dürfte sie sogar menschliche Leichen versenken. Wenn sich Menschen freiwillig zur Verfügung stellen und die Familie einwilligt, wäre das völlig legal. Darauf verzichtet die Forscherin jedoch. „So weit ist die Gesellschaft noch nicht, dass sie das verstünde.”
In Deutschland dagegen ist Forschung an Leichen zu anderen Zwecken als zu medizinischer Erkenntnis oder Ausbildung von Ärzten gesetzlich verboten. Auch wenn hierzulande weniger Menschen im Meer sterben, wäre mehr Aufklärung wünschenswert. Immerhin gab es 2006 allein in Schleswig-Holstein 6 Badetote, einen tödlichen Sportbootunfall und 15 weitere Leichen – vermutlich Suizidopfer, so das Landeskriminalamt in Kiel. An die Küsten Kanadas stoßen drei Ozeane. Hier sind Meeresleichen ein vergleichsweise dringliches Problem. Gail Anderson denkt deshalb an ein ständiges Labor – eine „Body Farm” unter Wasser, ähnlich den Freiluftlabors der University of Tennessee in Knoxville und der Western Carolina University in Cullowhee. Dort zersetzen sich auf abgeschiedenen Campusgeländen Leichen von Körperspendern je nach Umgebung – einige in der Sonne, andere im Schatten, manche in Folie gehüllt. Polizisten, Rechtsmediziner und Forscher lernen dabei einiges über Leichenliegezeiten und Todeszeitpunkte.
Gail Anderson weiß jetzt, dass allein durch die Zersetzung im Ozean Hände, Füße und Kopf vom Körper abfallen. Normalerweise tauchen sie nicht wieder auf. Anders bei den angeschwemmten Vancouver-Füßen: Sie hatten in Schuhen aus Kunststoff gesteckt und dadurch Auftrieb bekommen. Zwei Füße konnte die kanadische Bundespolizei inzwischen eindeutig zuordnen. Ein DNA-Vergleich führte zu einem seit letztem Jahr vermissten stark depressiven Mann. Nun glaubt die Polizei eher an Selbstmorde oder tragische Unfälle. Die Theorien über Ritualmorde oder einen Serienkiller sind dort jedenfalls erst einmal vom Tisch. ■
CORNELIA REICHERT ist Diplomgeologin und Wissenschaftsjournalistin. „Ekelthemen” schrecken sie keineswegs.
von Cornelia Reichert
KOMPAKT
· Für die Untersuchung von Wasserleichen gibt es noch keine Methoden, die Aufschluss über den Todeszeitpunkt und die Todesart geben.
· Schweine eignen sich als Versuchsobjekte, da Haut, Fleisch und Organe denen des Menschen ähneln.
GAIL ANDERSON
„Insekten und Maden haben mich schon als Kind fasziniert.” Ekel kannte Gail Anderson nie. Die Kanadierin machte ihr Interesse zum Beruf und studierte Zoologie. Heute stellt sie ihr Wissen in den Dienst der Kriminologie: Sie erkennt leichenbesiedelnde Fliegen- und Käfermaden und weiß, ob ein Fundort auch ein Tatort ist. Bei Toten aus dem Meer hilft das nicht. Ein Freund von der Polizei brachte sie auf die Idee mit den Unterwasserstudien. Anderson ist die erste Forscherin weltweit, die untersucht, was mit toten Körpern unter Wasser geschieht – und erntet fachliche und öffentliche Anerkennung: 2001 erhielt sie den „Derome Award”, die höchste Auszeichnung der Kanadischen Gesellschaft für Forensik, und 2005 listete das Time Magazine sie unter den fünf Top-Vordenkern des Jahrhunderts für die Strafjustiz. Was will Anderson mehr? „Geld!”, sagt sie, direkt wie immer. „Für neue Forschungen, um noch mehr dubiose Sterbeumstände klären zu können.”
DER KOPF IST ZUETZT DRAN
Meeresgetier fängt stets von hinten an, den Kadaver anzunagen. Der Kopf bleibt bis zuletzt unversehrt. Viele verschiedene Tierarten tun sich an der Leiche gütlich.





