Der Schneekranich gehört zu den majestätischsten Vogelarten der Welt, in vielen Kulturen Asiens wird er als heilig oder glückbringend verehrt. Und doch ist er extrem selten geworden, denn die Gefahren sind vielfältig. Von der einst über ganz Asien verbreiteten Art existieren heute nur noch zwei Populationen: Eine davon zählt noch an die 4000 Tiere und pendelt im Osten des Kontinents zwischen Jakutien und China. DIe andere im Westen besteht im Grunde aus einem Tier, das den Winter im Iran verbringt.
Die Population im Osten Asiens ist im Vergleich dazu recht stabil. “Auf ihr ruhen unsere größten Hoffnungen, den Schneekranich als Art zu erhalten”, sagt Jim Harris, Asienexperte und Vizepräsident der der International Crane Foundation. Das Hauptaugenmerk der Schutzbemühungen liegt im Erhalt der Feuchtgebiete. Während die Schneekraniche sich im Sommer zum Brüten über die endlose, einsame Weite Jakutiens im sumpfigen Nordosten Russlands verteilen – Jakutien ist zehnmal so groß wie Deutschland, hat aber nur eine Million Einwohner -, konzentrieren sie sich im Winter an einer Stelle: Dem Poyang-See in der chinesischen Provinz Jiangxi. Über 98 Prozent der östlichen Population überwintern hier, nur wenige Exemplare bleiben an anderen Feuchtgebieten entlang des Zugweges zurück.
Ein See mit Höhen und Tiefen
Der Poyang ist Chinas größter Süßwasser-See, im Schnitt rund 3200 Quadratkilometer groß – sechs Mal größer als der Bodensee. Wobei seine Oberfläche aufgrund einer komplexen Hydrologie übers Jahr stark schwankt: Er hat im Süden fünf Zuflüsse und ist im Norden über einen kilometerbreiten natürlichen Durchlass mit dem Jangtse verbunden, dem größten Fluss Asiens. Im Spätfrühling strömt viel Wasser von Süden in den See und sorgt für einen ersten Hochstand, der sich in den Jangtse ergießt. Im Spätsommer schwappt das Hochwasser umgekehrt aus dem Jangtse in den Poyang, weil dann dieser Fluss besonders viel Wasser führt. Zu beiden Höhepunkten kann der Poyang auf bis zu 4500 Quadratkilometer anschwellen.
Im Winter dagegen, zur Trockenzeit, liegt seine Oberfläche mitunter elf Meter niedriger und erstreckt sich nur über rund 1000 Quadratkilometer. Der Rest sind dann flache Tümpel, Sümpfe und Schlickflächen – ein Paradies für Wasservögel, über eine halbe Million kommen jeden Winter hierher, darunter Schwanengänse, Schwarzschnabelstörche und Weißnackenkraniche.
“Gerade diese Schwankungen machen den Poyang für die Tiere attraktiv”, sagt der Zoologe Shao Mingqin, Experte für Wasservögel an der Jiangxi Normal University in Nanchang. Zum einen siedelten sich in einem solchen Gebiet natürlich keine Menschen an. Zum anderen biete jeder Wasserstand für andere Arten ideale Bedingungen, die sie irgendwo auf der Ebene finden. So bevorzugen Schneekraniche seichtes Wasser bis 50 Zentimeter Tiefe, weil sie darin am meisten Wurzelknollen finden, die sie im Winter als Futter bevorzugen.




